Hedwig Hintze-Gesellschaft
für historische Forschung und Bildung Bremen e.V.
und Hedwig Hintze-Institut Bremen

Texte

Hedwig Hintze (1884 - 1942) - kein Ort, nirgends


Erinnerung an eine vertriebene und vergessene Historikerin
Von Elisabeth Dickmann

Zuerst erschienen in "Barrieren und Karrieren", hrsg. von Elisabeth Dickmann und Eva Schöck-Quinteros, Berlin, trafo-Verlag 2000. Schriftenreihe des Hedwig Hintze-Instituts. 5. S.45-60; in 2. Auflage 2002

Die Wahl der Überschrift dieses Beitrags erfolgt in bewusster Anlehnung an den bekannten Titel von Christa Wolf. Es geht in der Diskussion bei unserer Tagung um Orte und Ortsbestimmungen, um Frauen, die sich die Zutrittsberechtigung zu den Orten der Wissenschaft mühsam erkämpfen und nachhaltig weiterverteidigen mussten, und es geht um Frauen, die aus diesen Orten wieder vertrieben wurden und damit - so scheint es - aus dem Gedächtnis der Fachkollegen und aus der wissenschaftlichen Tradition verschwunden sind. Die Erinnerung an eine vertriebene, vergessene und aus der Fachtradition verdrängte deutsche Historikerin von herausragender Bedeutung scheint heute überfällig.
„Zum selbstverständlichen Allgemeinwissen von HistorikerInnen“, schreibt Eva Schöck-Quinteros 1995, „gehört die Kenntnis über Leben und Werk von Hedwig Hintze noch nicht, obwohl ihre Biographie unter vielerlei Aspekten paradigmatisch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist“ 1).
Erst 33 Jahre nach ihrem Tod beschäftigte sich die Geschichtswissenschaft in der ehemaligen DDR mit ihrem Leben und Werk in der engagierten Studie von Hans Schleier in dem Sammelband: Die deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik 2). Schleier suchte nach den Spuren des Lebens und Wirkens von Hedwig Hintze in den Berliner Universitätsakten und nach der Resonanz auf ihre Publikationen. Die wenigen handschriftlichen Quellen, die sich zumeist im Besitz Gerhard Oestreichs befanden, der über eine Neuedition der Schriften Otto Hintzes auf die wissenschaftliche Tätigkeit von dessen Ehefrau stieß und begann, Zeugnisse aus dem Privatleben des Ehepaars zu sammeln, wurden der Öffentlichkeit aber erst zehn Jahre nach dem Aufsatz von Hans Schleier durch die von Sympathie getragene Veröffentlichung Brigitta Oestreichs bekannt 3). Danach folgten elf weitere kleinere Studien über Werk und Leben der Hedwig Hintze, die immer mehr Details ans Tageslicht brachten. Jedoch werden wir für eine umfassendere Biographie erst die Publikation des privaten, noch vorhandenen Quellenmaterials abwarten müssen, die Brigitta Oestreich vorbereitet 4).

In dem Themenzusammenhang, der auf diesem Kongress zur Verhandlung steht, werden die Aspekte der wissenschaftlichen Biographie Hedwig Hintzes in den Vordergund gerückt.
1981 hat Hans-Jörg Puhle die bekannte Frage gestellt: Warum gibt es so wenige Historikerinnen? und verwies in seinem vieldiskutierten Aufsatz auch auf Hedwig Hintze 5), der er außergewöhnliche Qualitäten bescheinigte. Übereinstimmend meinen alle Hintze-ForscherInnen heute, es sei eigentlich unbegreiflich und sehr erklärungsbedürftig, warum Hedwig Hintze in der geschichtswissenschaftlichen scientific community so völlig in Vergessenheit geraten sei. Eigentlich könnten wir erwarten, daß sie zumindest von Spezialisten der französischen Geschichte, vor allem in der Revolutionsforschung seit Ende des Krieges rezipiert worden sei. Aber hier erleben wir herbe Enttäuschungen. In keiner nennenswerten Publikation zur Französischen Revolution, bereits von 1930 an bis heute, weder in der deutschen, noch der französischen, noch in der US-amerikanischen Forschung spielt der Name Hedwig Hintze eine nennenswerte Rolle, worauf weiter unten noch eingegangen wird.

Nun wissen wir ja, dass das Nachdenken der Geschichtswissenschaft über die eigene Zunft und deren Existenz im Nationalsozialismus aus bekannten Gründen in der BRD erst spät einsetzte. Für die DDR hatte, was die Erinnerung an die Vertreibung der jüdischen WissenschaftlerInnen anlangt, der oben erwähnte Historiker Hans Schleier aber auch erst 1975 einen hoffnungsvollen Anfang gesetzt, bei dem es dann zunächst weitgehend geblieben war. In der BRD sah es damit noch Jahrzehnte nach Kriegsende nicht gut aus. Die zur Emigration gezwungene Hedwig Hintze finden wir nur bei Georg Iggers: Deutsche Geschichtswissenschaft 6) von 1971 einmal erwähnt - als von der Universität verwiesene Frau des Otto Hintze - , aber ihre eigene Forschungs- und Lehrtätigkeit ist anscheinend nicht ins Blickfeld geraten. Sie taucht nicht einmal im Namensregister auf. Iggers Berichterstattung konzentrierte sich allerdings auf die Professorenschaft, und zu diesem Kreis zählte die Privatdozentin Hedwig Hintze nicht.

Ohne flankierende Untersuchungen, beispielsweise aus der Emigrationsforschung, wären wir also für unser Erkenntnisinteresse immer noch nicht viel weiter über diesen Anfang hinausgekommen; aber auch auf diesem Forschungssektor erschöpft sich das Interesse an der deutschen Historikerin schnell. Hedwig Hintze findet lediglich eine kurze Erwähnung bei Claus-Dieter Krohn 7), ebenso bei Sybille Quack in ihren beiden Publikationen über Emigrantinnenschicksale in den USA 8); aber über die bloße Erwähnung ihres ‚Falles‘ geht es nicht hinaus. Anders bei Peter Thomas Walther in seiner Studie über die Emigration deutscher Historiker in die USA: Obwohl, streng genommen, Hedwig Hintze hierzu nicht gehört, ist ihr ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet.9)
Die Beschäftigung mit Otto Hintzes Bedeutung für die deutsche Geschichtswissenschaft bietet ferner ebenfalls Möglichkeiten, sich dem Schicksal Hedwig Hintzes zu nähern, wie Brigitta Oestreichs Aufsatz beweist, der die privaten, geretteten Nachlassreste berücksichtigt. Auch der Tagungsbericht der Historischen Kommission Berlin von 1983, der das Schaffen Otto Hintzes würdigt, verweist in einem kleinen Absatz auf Hedwig Hintze und beschreibt sie als sehr eigenständige Historikerin von Rang.10)

Die Erforschung der Geschichte jüdischer WissenschaftlerInnen im Deutschland der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus (Timm, Faulenbach, Jütte)11) zeitigt für unser Interesse schon eher Erfolge, auch wenn Hedwig Hintze selber zeitlebens ihrer jüdischen Herkunft keine besondere Bedeutung beigemessen hat, denn sie wurde evangelisch getauft und entsprechend erzogen. Bisher ist auch weiter nichts bekannt über Kontakte, die sie vielleicht zu den jüdischen Frauenorganisationen, zur Frauenbewegung überhaupt gepflegt hat. Hier liegt, auch im archivalischen Bereich, noch ein weites Untersuchungsfeld vor uns. Nicht als Jüdin sozialisiert und nach 1933 zunächst in einer ‚privilegierten Mischehe‘ lebend, erlitt sie dennoch bald das gleiche Schicksal wie Millionen anderer ausgegrenzter, vertriebener, verfolgter und ermordeter Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Und last not least ist da die Historische Frauenforschung, die sich erst seit kürzerer Zeit mit der Geschichte des Frauenstudiums und den akademischen Karrieren von Frauen zu Beginn unseres Jahrhunderts beschäftigt und die Quellenschriften aus der Frauenbewegung daraufhin neu liest. Die neueren Arbeiten, die nun auch Hedwig Hintze als Wissenschaftlerin in den Blick nehmen - so Sproll und Timm 1992, Faulenbach 1994 und Schöck-Quinteros 1995 12) - verweisen auf die mehrfach aufgebauten Hindernisse im wissenschaftlichen Werdegang von Hedwig Hintze, die auch schon Schleier und vor allem Brigitta Oestreich formuliert hatten: Schwierigkeiten als Frau in den Anfängen des Frauenstudiums, ferner als Jüdin im antisemitisch durchsetzten Wissenschaftsbetrieb der deutschen Universität, drittens fehlende Anerkennung als Historikerin der Französischen Revolution, die eigene Interpretationswege ging als Vertreterin einer modernen, Anregungen aus der Sozialforschung aufnehmenden historischen Methodik. Sie ließ viertens als politisch in europäischer, vielleicht sogar internationaler Perspektive denkende, auf Völkerverständigung und Pazifismus setzende Persönlichkeit wie nur wenige deutsche HistorikerInnen eine positive Haltung zu den Chancen des Versailler Vertrages erkennen und wurde zunächst vor allem deshalb zur intellektuellen Linken gerechnet.
Welche der genannten Aspekte nun Hindernisse und Barrieren ausmachen, oder - anders betrachtet - welche zur Bildung der wissenschaftlichen Persönlichkeit Hedwig Hintze in prägender Weise beitrugen, das wird in unterschiedlicher Weise gesehen werden, je nach der Fragestellung, die man verfolgt.

Was Frauen in der ‚Zunft‘ erwartete:

In der Kirchhoffschen Studie „Die Akademische Frau“ von 1897 erklärt der Historiker Georg Busolt, Kiel, was seiner Meinung nach den ‚richtigen‘ Historiker ausmacht:
„Ein lange methodisch geschulter, streng auf die Erforschung der Tatsachen gerichteter Blick, eine reife Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, ein politisches Urteil und ein das ganze Gebiet des wirtschaftlichen, staatlichen und teilweise auch des religiösen Lebens umfassendes Wissen. Das sind Eigenschaften, die ... eine Frau ihrer ganzen Natur nach nicht besitzen kann, so daß auch die fähigste niemals sich zum Historiker eignen wird.“ 13)
Und sein Kollege Jacob Caro aus Breslau meinte im gleichen Zusammenhang:
„Giebt man den Frauen, welche am Zuständlichen meistens die Zufälle interessieren, das Wort, so erklärt man die Revolution in Permanenz.“ 14)

Folgt man dem, so scheinen Frauen also von "Natur" aus nicht dafür bestimmt zu sein, methodisch, sachlich, gebildet und mit reifem politischen Urteil an die Erforschung der Geschichte heranzugehen! Sie provozieren offenbar die Gefahr der Revolution allein durch bloße Anwesenheit in diesem Tempel der Wissenschaft! Möglicherweise hat das den Kollegen Treitschke bewegt, eine Zuhörerin aus seinem Kolleg zu verweisen, was immerhin schon zu einem Presseecho führte. Es handelt sich bei den Statements wohl um die vorherrschende Meinung in Historikerkreisen, jedenfalls noch 1897, als die Kirchhoffsche Studie erstellt wurde. Das bewog schließlich Historikerinnen wie Ricarda Huch, in Zürich zu studieren und zu promovieren, anstatt auf Ausnahmeregelungen in Deutschland zu hoffen.

Zu der Zeit, als Hedwig Hintze ihr Studium in Berlin aufnahm, hatten sich aber die Rahmenbedingungen und die Stimmung in der Kollegenschaft des historischen Seminars schon positiv geändert. Sie konnte nun zumeist auf verständnisvolle Lehrer hoffen, auf Wissenschaftler, welche das stereotype Frauenbild doch wenigstens ansatzweise überwunden zu haben schienen. Dennoch sah sich auch Hedwig Hintze in der Beurteilung ihrer wissenschaftliche Qualitäten noch häufig genug den alten Vorurteilen ausgesetzt. Die Widersprüche, die zu ihrer Zeit im akademischen Betrieb herrschten und weitgehend die Gutachtertätigkeiten beeinflussten, seien hier noch einmal kurz konfrontiert:

'Methodisch geschult‘ und ‚sachlich orientiert‘ war Hedwig Hintze dank der hervorragenden Lehrer, die sie hatte, ganz gewiss. Zwei Jahre nach Öffnung der preußischen Universitäten für die Frauen, also 1910, zum Zeitpunkt der Immatrikulation von Hedwig Hintze, fanden sich bereits Hochschullehrer von Rang unter den Historikern, die auch Frauen unterrichteten. Ein ‚umfassendes Wissen‘ wird man ihr ferner kaum absprechen können angesichts der Fülle der Themen, die sie im Lauf ihres gar nicht so langen Daseins als Wissenschaftlerin behandelt hat. Gebildet war sie zweifelsohne schon von ihrer Herkunft und ihrem Werdegang her. Ein ‚politisches Urteil‘ über ihre Forschungsgegenstände hat sie allerdings gehabt und nicht verschwiegen, aber gerade das wurde ihr zumeist nicht zum Verdienst, sondern zum Nachteil angerechnet. Die Meinung des Kollegen Busolt von der Eignung der Frau zur geschichtswissenschaftlichen Betätigung war also zu der Zeit, als Hedwig Hintze sich anschickte, Geschichte zu studieren, noch nicht ganz überholt, aber spätestens in den zwanziger Jahren, als die Habilitationsschrift eingereicht wurde, hätte sie nicht mehr aktuell und akzeptabel sein dürfen. Neue Hürden wurden aufgebaut: In Umkehrung von Busolts Befürchtungen, dass die Frauen keine Fähigkeiten zur Entwicklung eines politischen Urteils über die historischen Zusammenhänge entwickeln könnten, wurden Hedwig Hintze gerade die politischen Gedanken und Überzeugungen, die in ihrer Habilitation und anderen Veröffentlichungen erkenntlich sind, zum Vorwurf gemacht, und von einigen Beteiligten wurde sogar das Habilitationsverfahren in Frage gestellt. Im Kontext der Erforschung des Frauenstudiums in seiner Anfangsphase wird uns die Meinung des Herrn Busolt vielleicht als Außenseiterposition erscheinen, vor allem im Vergleich zu den offenbar wesentlich aufgeschlosseneren Nationalökonomen, aber innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Disziplin war sie durchaus noch lebendig, wenn sich auch die Argumentationen änderten. Den meisten Historikern scheint damals das Interesse der Frauen an der Erforschung der Vergangenheit befremdlich gewesen zu sein, so dass eine mehr oder weniger durchgängig abweisende Stimmung in den Vorlesungen und Seminaren geherrscht haben muss, die nicht zuletzt auch von den männlichen Kommilitonen mitverschuldet war. Der Anblick von Frauen in den überfüllten Hörsälen war offenbar anstößig, zumindest aber gewöhnungsbedürftig. Umso bewundernswerter das nie erlahmende Interesse und der Durchhaltewille der Studentinnen.

Leben und Werk von Hedwig Hintze

Mein Interesse an Hedwig Hintze wurde besonders angeregt durch einen Vortrag von Angelika Timm 15) im Dezember 1995 in Berlin, in dem es vor allem um das Schicksal der Person jüdischer Herkunft Guggenheimer (Hintze) ging. Davon ausgehend beschäftigen mich heute auch die anderen Aspekte, wie die Barrieren, die sich der Frau als Wissenschaftlerin immer noch entgegenstellten, auch nach dem Überwinden der letzten Hürde, der Habilitation. Es geht um die Problematik der Akzeptanz einer politisch engagierten Geschichtsforschung und um die Schwierigkeiten, mit neuen Theorieansätzen eine Verbindung von politischer Geschichte und Sozialgeschichte herzustellen und dafür Anerkennung zu finden. Kurz: Ein vollständiges Bild von Hedwig Hintze muss die Hindernisse Frau - Jüdin - Linksliberale - moderne Wissenschaftlerin zum Ausgangspunkt weiterführender Forschungen machen. Diese bauen auf der Bibliographie auf, die wir in Bremen erstellt haben, und basieren auf der neuerlichen Auswertung bereits bekannten bzw. noch nicht gesichteten Archivmaterials. Vor allem interessieren dabei die Kontakte, die Hedwig Hintze als politische Persönlichkeit betreffen, als da sind ihre Beziehungen zu französischen Sozialisten, zur Ligue Européenne pour la Défense de la Liberté, zu deren Fürsprecherin Hedwig Hintze in Deutschland wurde. Des weiteren interessiert mich ihr Kontakt zur DDP und der deutschen Sozialdemokratie und last not least zur Frauenbewegung - kurz, all ihre politischen Verortungen.

Es wird sich dabei ergeben, dass sehr wohl Orte und Aktionsräume da waren, in denen sie sich zu Hause hätte fühlen können. Nur gehörte sie mit ihren Interessen in Deutschland ganz offensichtlich zu einer Minderheit, fachlich wie politisch. Einem ausführlichen Telefongespräch mit Brigitta Oestreich verdanke ich den Hinweis, dass Hedwig Hintze in der Welt ihrer geistreichen ‚Teegesellschaften‘ im Hause Hintze in Berlin aufblühte und brillierte, sich glücklich fühlte und anerkannt wusste und den geistigen Austausch nutzen konnte, dass sie sich aber in Frankreich trotz ihrer inneren und politischen Affinität zur französischen Lebensart in den ersten Jahren der Emigration unglücklich, einsam, weit unter Wert beschäftigt und wenig anerkannt fühlte. Ihre wissenschaftliche Produktivität hing eng mit ihrem geistigen Umfeld zusammen, der Berliner ‚Szene‘, dem belebenden Diskurs, wie wir heute sagen würden. Später allein auf sich gestellt in Frankreich, unter berufenen Revolutionsforschern, profitierte sie nicht mehr von ihrer ‚interessanten Randständigkeit‘, sondern befand sich plötzlich im mainstream der französischen Revolutionsforschung als nur eine von vielen und konnte sich als Frau, Emigrantin und als Jüdin kaum dem inneren Zirkel der französischen Historikerzunft zugehörig fühlen. Über diese Zeit ihres Lebens ist bisher noch wenig bekannt. In diesem Sinne war auch Paris kein ‚Ort‘ für Hedwig Hintze, ebenso wenig, wie es die Niederlande ab 1939 werden konnten. Und in den letzten Lebensmonaten wurde die Suche nach einem Ort, einer Bleibe, zur zentralen Überlebensfrage für Hedwig Hintze. Sie hat diesen Ort nicht mehr gefunden.

Ihr Lebensweg sei hier kurz geschildert. Sie wurde 1884 in München als Tochter der jüdischen Bankiersfamilie Guggenheimer geboren, die ihre Kinder evangelisch taufen ließ. Privatunterricht und höhere Töchterschule, Auslandsaufenthalte und erste Schritte in die Berufstätigkeit als Lehrerin und Autorin kennzeichnen den Lebensweg Hedwig Hintzes zunächst als übliches Schicksal einer ‚höheren Tochter‘ der Jahrhundertwendegesellschaft. Neu ist für diese Frauengeneration das erwachende Interesse an der Wissenschaft und die Zähigkeit, mit der der Weg zu einem regulären Studium über mannigfache Hindernisse erkämpft wird. 1904 taucht Hedwig Guggenheimer als Gasthörerin in der Münchner Universität auf, 1908 geht sie nach Berlin, um sich auf das Abitur vorzubereiten, das sie 1910 besteht, und sich sofort an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin einschreibt als Studentin der Germanistik, Geschichte und Nationalökonomie. 1912 heiratet sie ‚ihren‘ Professor Otto Hintze, der einen Lehrstuhl für Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte sowie Nationalökonomie innehatte, bei dem sie über Jahre Vorlesungen und Seminare besuchte. Zwischen den Eheleuten lag ein Altersunterschied von 23 Jahren. Hedwig Guggenheimer, verheiratete Hintze gibt, trotz zeitweiliger Unterbrechungen durch die Pflege ihres kranken Mannes und durch einen Einsatz beim Roten Kreuz im ersten Kriegsjahr 1914, ihr Ziel einer akademischen Karriere aber nicht auf. Robert Jütte bemerkt dazu, dass „die wissenschaftliche Betätigung einer Professorenfrau ... in der Weimarer Republik noch keine Selbstverständlichkeit [war]“ und zitiert aus den Erinnerungen von Julie Braun-Vogelstein, einer Freundin der Familie Hintze:

Friedrich Meinecke bat mich, die Frau eines gemeinsamen Freundes zu bewegen, ihrem leidenden Mann bei dessen bedeutenden Forschungen zu helfen, statt auf ihre eigenen Werke und die eigene Laufbahn bedacht zu sein. Sie war eine begabte und tüchtige Historikerin, die sich als eine der ersten Privatdozentinnen Deutschlands in Berlin habilitierte. An mich schloß sie sich mit großer Zuneigung an; aber wir waren sehr verschieden. Ich fühlte mich vor allem als Frau und handelte dementspechend ohne Bedauern.“16)

Julie Vogelstein referiert hier in der Erinnerung eine damals mehrfach laut gewordene Kritik an Hedwig Hintze. Man war im Kollegenkreis sehr besorgt um den Gesundheitszustand Otto Hintzes und man verstand nicht, dass Hedwig Hintze neben der liebevollen Fürsorge um ihren Mann noch das Ziel der eigenen Karriere verfolgte. Darüber berichtet eindrücklich der Aufsatz von Brigitta Oestreich (1985). Die Auffassung von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war offenbar ungebrochen, auch Julie Vogelstein scheint diese wenig hinterfragt zu haben.

Bereits in den Anfängen ihres Geschichtsstudiums spezialisiert sich Hedwig Hintze auf französische Geschichte, ganz unter dem Einfluß Otto Hintzes mit besonderem Interesse für vergleichende Verfassungsgeschichte. Dabei kamen ihr die Sprachkenntnisse dank ihres Aufenthalts in einem französischen Internat und ihre Tätigkeit als Französisch-Lehrerin in München mit Sicherheit zugute und bildeten eine Grundlage für vergleichende Verfassungsgeschichte, wie sie bei Otto Hintze gelehrt wurde. Sie immatrikulierte sich 1923 nach längerer Pause erneut, um ihre Doktorarbeit einreichen zu können. 1924 promovierte sie mit ‚summa cum laude‘ zum Dr.phil. Ihre Dissertation Die Municipalgesetzgebung der Constituante ist bereits ein Teil ihrer großen Studie über das Problem des Föderalismus in Frankreich, mit der sie sich 1928 - als zweite Historikerin in Deutschland nach Ermentrude Bäcker von Ranke - habilitieren konnte.

Mit dem Buch festigte Hedwig Hintze ihren Ruf als Historikerin der Französischen Revolution“, schreibt Bernd Faulenbach 17). Kein geringerer als Friedrich Meinecke war damals von ihren wissenschaftlichen Qualitäten überzeugt - trotz der Einstellung, die er zu den 'Aufgaben der Professorenfrau' hatte, wie Julie Vogelstein zu berichten wusste. Schon 1926 hatte er sie in die Redaktion der Historischen Zeitschrift (HZ) berufen und ihr das Gebiet der Revolutionsforschung zugewiesen. Mit ihrer Antrittsvorlesung Epochen der französischen Revolutionsgeschichtsschreibung 1929 wies sie sich auch als Methodikerin glänzend aus. Nun begann eine fruchtbare Zeit als Privatdozentin an der Berliner Universität. Auch die internationale Anerkennung scheint nicht gefehlt zu haben, denn 1930 wurde sie zum Mitglied der Société d‘histoire moderne in Paris berufen.

Ihre Zeit als Dozentin an der Berliner Universität dauerte aber nur viereinhalb Jahre, denn das Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 17.4.1933 führte bald danach, am 2. September 1933, zum Verwaltungsakt der ‚Entlassung‘ durch die Universitätsbürokratie, also zum Verlust ihrer Lehrberechtigung. Besonders enttäuschend muss für das Ehepaar Hintze das Verhalten der unmittelbaren Fachkollegen gewesen sein: Schon im Msi 1933, also vor ihrer offiziellen Entlassung, hatten die Herausgeber der Historischen Zeitschrift Friedrich Meinecke und Adolf Brackmann geglaubt, die Unabhängigkeit der HZ durch die Trennung von den jüdischen Mitarbeitern, also auch von Hedwig Hintze, in vorauseilendem Gehorsam sichern zu können:

Sehr verehrte Frau Kollegin, wir sind zu einer überaus schmerzlichen Mitteilung an Sie genötigt. Bestimmte, nicht leicht zu nehmende Andeutungen zwingen uns zu der Annahme, dass der Historischen Zeitschift heute Gefahren drohen. Wir werden den wissenschaftlichen Charakter der Zeitschrift unter allen Umständen behaupten, aber müssen in der Auswahl der Mitarbeiter fortan eine grössere Beschränkung üben, um den angedeuteten Gefahren vorzubeugen. Sie gelten nun einmal als politisch besonders belastete Persönlichkeit. Wir werden Ihren Beitrag zum neuen Hefte, unter Streichung der Namen der ständigen Mitarbeiter, noch bringen können, aber müssen sodann auf Ihre weitere ständige Mitarbeit leider verzichten. Wir sprechen Ihnen zugleich unseren wärmsten Dank für Ihre langjährige, hingebende und sachkundige Mitarbeit aus.“ 18)

Sie entließen damit eine Spezialistin der französischen Geschichte von Rang und konnten offenbar den völkisch gesinnten Historiker Adalbert Wahl als ihren Nachfolger nicht verhindern - wenn sie es denn versucht haben -, der sich nicht zu schade war, Hedwig Hintze in einem Brief an den Verleger der HZ, den Oldenbourg Verlag, als "widerliche Jüdin" zu bezeichnen, die ihre Berichte über die französische Revolution „in geradezu unerhörter Weise, ganz im Sinne der Blut- und Schreckensmänner und ihrer Apologeten“ 19) verfasst habe. Otto Hintze kündigte auf das Schreiben Meineckes hin sofort seine Mitherausgeberschaft und verlangte, dass sein Name schon im nächsten Heft der HZ nicht mehr genannt werde. Er begründete seinen Schritt weiter wie folgt:

Ich möchte auch den Anschein von Zugeständnissen an eine kulturpolitische Richtung vermeiden, die als ihr Ziel unter anderem proklamiert, daß das Jahr 1789 aus der Weltgeschichte gestrichen werden soll und daß in 50 Jahren in Deutschland kein Mensch mehr wissen soll, was das Wort Marxismus bedeutet“ 20).

Mehrere Jahre versuchte Hedwig Hintze nun, in Frankreich Fuß zu fassen, zu arbeiten und zu publizieren. Sie fand für zwei Jahre eine Anstellung am Office de Documentation Internationale Contemporaine in Vincennes, als ‚maitre de recherches‘. Finanziell wurde sie in den letzten Jahren durch ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung und durch Zuwendungen der Alliance Israélite Universelle unterstützt. Sie verbrachte immer noch viele Monate in Berlin bei ihrem Mann in der kleineren Wohnung, die sie nach ihrer Entlassung aus der Universität im Westend bezogen hatten. Am liebsten wäre sie in die Schweiz gegangen, aber das ließ sich nicht realisieren. So emigrierte sie endgültig am 22. 8. 1939, kurz vor Kriegsbeginn, also in letzter Minute, in die Niederlande. Die Verhältnisse in Deutschland waren unerträglich geworden. Im März 1939 hatte sie ein Gesuch an das Institute for Displaced German Scholars gerichtet, ihr bei der Beschaffung eines Visums behilflich zu sein, aber bis zu ihrer Flucht in die Niederlande mit Hilfe des Büros Pfarrer Grüber (das Büro kümmerte sich um jüdische Angehörige christlicher Konfessionen) war ihre Sache in den USA in der Schwebe. Hedwig Hintze hatte einige Kisten Umzugsgut erhalten können und verbrachte die nächsten Monate mit mehrfachen Umzügen und den schwierigen Versuchen, eine angemessene Arbeit und ein Auskommen in den Niederlanden zu finden.

Am 25. April 1940 starb Otto Hintze, seine Frau konnte nicht einmal ans Krankenbett oder zu seiner Beerdigung kommen. Vom 15. April 1940 datiert die letzte Postkarte Otto Hintzes aus einer großen Zahl von liebevollen Schreiben an seine Frau, die alle von dem engen und von gegenseitiger Achtung getragenen Verhältnis des Ehepaars zeugen. Ihre Versuche, nach Berlin zu reisen, waren gescheitert, sie hat die Heimat nicht wiedergesehen. Über ihre Versuche, eine Einreiseerlaubnis zu erhalten, gibt es gewisse Unklarheiten: Die Personalakten der Berliner Universität tragen den Vermerk, dass sie aus dem besetzten Gebiet Holland keine Reisegenehmigung erhalten habe. Das legt den Schluss nahe, dafür die deutschen Besatzungsbehörden in den Niederlanden verantwortlich zu machen. Das kann sich dann aber nur auf Einreiseversuche beziehen, die sie nach der Kapitulation der Niederlande am 5.Mai 1940 angestrengt hat, um wenigstens ans Grab ihres Mannes gehen zu können. Es könnte sich auch um die Regelung der Erbschaftsangelegenheiten gedreht haben. Wir wissen nicht, ob schon eine frühere Einreiseerlaubnis beantragt worden und seitens der deutschen Behörden abgelehnt worden war, wir wissen nicht einmal, ob sie von dem Tod ihres Mannes, bzw. seiner schweren Erkrankung rechtzeitig unterrichtet worden ist. Neben dem Kummer um den Verlust ihres Mannes und damit der letzten Brücke zur Heimat kostete ein erbitterter Streit um ihre Erbrechte, vor allem auch um seinen wissenschaftlichen Nachlass, Hedwig Hintze ungeheuer viel Kraft. Die Verwandten Otto Hintzes spielten dabei, wie auch bei der Verwaltung seines wissenschaftlichen Erbes, eine unrühmliche Rolle. Sie hatten sich schon 1933 von der Jüdin distanziert und ließen sie jetzt gänzlich fallen. Die bei den Verwandten Otto Hintzes verbliebenen Nachlassteile sind vermutlich in den Wirren des Zusammenbruchs 1945 verloren gegangen. Auch der Nachlass Hedwig Hintzes gilt größtenteils als verschollen.

Genauere Erkenntnisse über Hedwig Hintzes letzten beiden Jahre im Exil in Holland lassen sich nur nach und nach und unvollständig gewinnen. Sie hatte wohl im Herbst 1940 einen Ruf an die New Yorker New School for Social Research erhalten, aber sie konnte ihm nicht folgen, denn sie besaß kein Einreisevisum. Um dieses Visum drehten sich all ihre Bemühungen, was sehr eindrucksvoll bei Walther nachzulesen ist, aber all ihre Anstrengungen waren durch den Kriegsbeitritt der USA zunichte gemacht worden. Wir wissen aus Hedwig Hintzes letzten Lebenswochen nur, dass sie am 19. Juli 1942 vermutlich durch Selbstmord starb; eine Klinik in Utrecht stellte den Totenschein aus, der auf ‚Endogene Depression‘ erkannte.

Der Krieg hat alle Deine Aussichten ruiniert“, hatte Otto Hintze ihr in seiner letzten Postkarte vom 15. April 1940 geschrieben, „es ist leider einmal so. Aber behalte den Kopf oben und beweise den Menschen, daß auch ein Jude Ehre im Leibe haben kann. Ich kenne Dich und liebe Dich.“ 21)

Die Situation der Eheleute Hintze seit 1933 konkret zu begreifen, die Auswirkungen auf das private Leben und wissenschaftliche Arbeiten zu verstehen, das Ausmaß der Anstrengungen, Ängste, Verzweiflungen und auch Lähmungen irgendwie einzuschätzen, fällt schwer. Das Schicksal der Emigranten in nüchternen Zahlen zu erfassen, ist paradoxerweise wesentlich leichter. Aber um das Einzelschicksal Hedwig Hintzes wirklich zu erfassen, muss man es von seinem Ende her betrachten, von der Hoffnungslosigkeit und dramatischen Zuspitzung, die alles bis dahin Erreichte zunichte machte.

Die Historikerin und Autorin Hedwig Hintze

Am Anfang ihrer publizistischen Tätigkeit standen kleinere Aufsätze, wie die herbe Kritik an der bürgerlichen Mädchenbildung ihrer Zeit (Zur Erziehungsfrage, 1903) und eine Untersuchung über die ästhetische Verwandtschaft der Textdichtungen von Novalis und Richard Wagner (Neue Musikzeitung von 1905). Eine große Abhandlung im Richard-Wagner-Jahrbuch von 1907 vergleicht Wagner und E.T.A.Hoffmann. Sie schreibt bereits jetzt einen flüssigen, eleganten, gelegentlich auch überschwenglichen Stil, mit wissenschaftlichem Anspruch und auf der Basis ausführlicher Literaturarbeit. Dann tritt eine Pause ein, die durch das Studium, die Eheschließung 1912, die Rot-Kreuz-Arbeit 1914 und die Mitarbeit bei Otto Hintzes Publikationen bedingt ist. Erst 1919 tritt Hedwig Hintze wieder in Erscheinung, nämlich mit der Veröffentlichung über das Frauenwahlrecht in der französischen Revolution in der Zeitschrift Die Hilfe 22). Wir wissen, wie oben schon erwähnt, bis heute noch nicht, ob Hedwig Hintze nähere Kontakte zur deutschen oder französischen Frauenbewegung hatte. Dass sie 1919 das Thema Frauenstimmrecht in historischer Perspektive behandelt, erklärt sich aus der damaligen öffentlichen Debatte. Aber bereits 1903 hatte sie bitter Klage geführt über den ‚Bildungsnotstand‘ der jungen Frauen. Die Frauenfrage stand sicher nicht im Zentrum ihrer Forschungsinteressen, dennoch war Hedwig Hintze ebenso offen für die zeitgenössischen Diskurse, wie sie auch die historischen genau verfolgt hatte. Schon bei dem Aufsatz zum Frauenstimmrecht zeigen sich die Früchte ihrer jahrelangen Studien zur Verfassungs- und Parteiengeschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter, die sie einige Jahre später in ihrer Dissertation noch einmal unter Beweis stellt: Sie arbeitete nicht nur mit gedrucktem und archivalischem Quellenmaterial, sondern kannte auch den gesamten zeitgenössischen politischen Diskurs in Frankreich. Sie konnte aus einer Fülle von Fragestellungen und Aspekten der Revolutionszeit auswählen und immer interessante, neue Gedankengänge und quellengestützte Interpretationen vorbringen. Das hatte 1924 die Gutachter bei ihrer Promotion überzeugt, die mit ‚summa cum laude‘ votiert hatten.

Bei ihrer Habilitation, der groß angelegten Studie Staatseinheit und Föderalismus im alten Frankreich und in der Revolution wird ihre Art zu arbeiten, nämlich Quellenanalyse, Diskursanalyse und die zeitgenössische politische wie wissenschaftliche Interpretation in einem dichten Argumentationsnetz auszubreiten, ganz besonders deutlich. Kennzeichnend für ihre Interpretation ist der Verzicht auf heroisierende, das Primat der Staatsidee in den Vordergrund stellende Darstellungsweise. Ebenso wie die politischen Diskurse der Revolutionszeit die alternativen Entwicklungsmöglichkeiten der Verfassungsgeschichte aufzeigen, die Autorin also über einen anderen Verlauf der Revolutionsgeschichte reflektieren kann, so interessieren sie schon früh sozialgeschichtliche Fragestellungen, die in den Kapiteln XII und XVI ihrer Habilitationsschrift behandelt werden, aber auch in späteren kleineren Publikationen. Frappierend erscheint ihr abgewogenes politisches Urteil über den Verlauf der französischen Verfassungsgebung. Sie vertritt darin die These, dass es im zentralistischen Frankreich sehr wohl eine föderalistische Tradition gegeben habe - und noch gäbe -, die im Vorfeld und in der Frühzeit der Revolution von 1789 zu erheblicher politischer Bedeutung gelangt sei. Wäre dieser politischen Strömung seinerzeit mehr Erfolg beschieden gewesen, hätte sich die Phase des Terreur mit ihren kaum noch steuerbaren Auswüchsen vermutlich verhindern lassen. Sie begründet diese These aus dem Quellenmaterial selbst und führt als weiteren Beweis die Auffassungen verschiedener bedeutender französischer Historiker an, die ebenfalls der herrschenden Interpretationsweise, z.B. eines Hippolyte Taine, entgegentreten.

Dass sie es überhaupt wagte, politische Überzeugungen, ihr Gegenwartsverständnis von dem deutsch-französischen Verhältnis, das einer gänzlichen Neuorientierung bedürfe, in ihre Forschungsergebnisse einfließen zu lassen, hat ihr hier bei der Habilitation, im Gegensatz zu den Gutachten bei ihrer Promotion (ihr Doktorvater war Friedrich Meinecke), den Vorwurf aus der Zunft eingebracht, sie vermische ‚Tagespolitisches‘ und Wissenschaftliches in unzulässiger Weise. Manche mehr oder weniger verborgene antifeministische und auch antisemitische Tendenz ist in solchen Kritiken enthalten. Deren Hauptstoßrichtung zielte aber m.E. auf Hedwig Hintzes nicht-revisionistisches Verständnis vom Charakter der deutsch-französischen Beziehungen. Sie hat deswegen innerhalb der deutschen historischen Forschung zur Geschichte der französischen Revolution eine durchaus exzeptionelle Position eingenommen und verteidigte ihre liberalen, pazifistischen und internationalistischen Auffassungen vehement auch und gerade aus ihren Forschungsergebnissen über die Frühgeschichte der Revolution heraus:

War doch der französische Nationalismus der ersten Revolutionsjahre noch nicht egoistisch, militaristisch und imperialistisch. Genährt und getragen von einer Philosophie der Humanität, wollte er sich gleich zum Internationalismus weiten.“ 23)
Und an anderer Stelle:
Die Revolution ist ein aus der Vergangenheit herüberleuchtendes Ideal, mit dessen Verwirklichung die jetzt lebenden und kommenden Generationen betraut sind.“24)

Es gab nicht nur Bedenken hinsichtlich der ‚Originalität‘ ihrer Forschungsergebnisse, als die Habilitation eingereicht wurde, wobei aber, wie oben schon erwähnt, deutlich gemeint war, dass ihr politischer Standort Zweifel an der Wissenschaftlichkeit ihrer Forschungen erzeugt hätte. Auch eine wenig später offen ausgetragene Kritik und Erwiderung zwischen Hedwig Hintze und Heinrich von Srbik, die sich auf ihren Aufsatz Der Geist von Locarno und die historische Kritik vom Februar 1926 25) beziehen, verdeutlicht noch mehr den Standpunkt der ‚Zunft‘, die - ganz anders als 1897 der oben bereits ziterte Prof. Georg Busolt gemeint hatte - vom Historiker Abstinenz von politischer Überzeugung zu verlangen scheint! Das alles hat Hedwig Hintze aber nicht beirrt.

Sie hat in der Folge verstärkt versucht, die deutschen Historiker mit der linken geschichtswissenschaftlichen Publizistik in Frankreich vertraut zu machen, sie hat über die französische Revolutionsgeschichtsschreibung ihre Antrittsvorlesung an der Berliner Universität gehalten und weit bis in die dreißiger Jahre hinein immer wieder dazu publiziert. Aus dieser intensiven Beschäftigung, die wir heute wohl als Versuch zur Bewältigung von Problemen des Wissenschaftstransfers bezeichnen würden, dem enge nationale Grenzen gezogen wurden, erwuchs ein neuer Forschungsschwerpunkt im Schaffen Hedwig Hintzes: Das französisch-deutsche Verhältnis in Geschichte, Politik, Kultur und Wissenschaft. Diesem Komplex, dem sich noch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der materialistischen Geschichtstheorie zugesellte, widmete sie etliche größere Aufsätze, die in der Folge teils noch in Deutschland, teils dann schon im Exil in französischen und niederländischen Zeitschriften erschienen. Als Expertin war sie noch einmal gefragt, als die Encyclopedia of the Social Sciences26) fünf Artikel über Persönlichkeiten der Französischen Revolution und über das Stichwort Revisionismus brachte. In den letzten Jahren überwogen die Themen, die sich mit sozialistischen Historikern in Frankreich und deren Verbundenheit resp. relativen Distanz mit dem Marxismus und historischen Materialismus befassten. Auch die 1927 schon erfolgte Edition der nachgelassenen Schriften von Hugo Preuß 27) verdeutlichen den breiten Horizont der wissenschaftlichen Arbeit Hedwig Hintzes. Kennzeichnend für ihre Auffassung, in der sie sich mit anderen linksliberalen Historikern in Deutschland traf, war die Einschätzung, dass in vergleichender Betrachtung der Verfassungsentwicklungen in Europa Deutschland als ‚verspätete‘ Nation zu gelten habe - eine These, die später auch Theodor Schieder 28) teilte. Dem gegenüber vertraten die konservativen bis nationalen Historiker die Ansicht vom ‚deutschen Sonderweg‘, der für die nationale Identität durchaus positive Aspekte aufweise.

Zur Frage der Rezeption ihres wissenschaftlichen Werkes

Es ist nun wohl deutlich geworden, dass hier kein Fall eines einseitigen Spezialistentums vorlag, auch wenn sich der wissenschaftliche Ruf Hedwig Hintzes in ihrer Zeit vor allem auf ihre Forschungen zur Französischen Revolution, auf ihr Hauptwerk also, und ihre zahlreichen klugen Rezensionen dazu in der HZ und andernorts gründete. Umso unbegreiflicher ist die Vernachlässigung ihrer Leistungen in der gegenwärtigen historischen Forschungslandschaft! Wenn schon die deutsche Geschichtswissenschaft ihre begabte Vertreterin vergessen oder verdrängt hat, so wäre die Hoffnung berechtigt gewesen, dass wenigstens französische und amerikanische Spezialisten der Geschichte der Französischen Revolution die Arbeiten von Hedwig Hintze kennen und zu würdigen wissen. Das ist leider, von marginalen Ausnahmen abgesehen, nicht der Fall. Eine Durchsicht aller in den letzten vierzig Jahren erschienenen Standardwerke zur Geschichte der Französischen Revolution erbrachten das bedauernswerte Ergebnis: Niemand hat ihre Arbeiten gekannt oder für erwähnenswert gehalten! Es ist an dieser Stelle noch zu früh, über diesen gänzlichen Ausfall einer angemessenen Rezeption schlüssige Beurteilungen abzugeben, aber mir scheint doch klar, dass die Notwendigkeit, Hedwig Hintze einen gebührenden Platz in der Geschichtswissenschaft zurückzuerobern, eine Aufgabe der heutigen Generation deutscher Historikerinnen und natürlich auch ihrer männlichen Kollegen ist. Es wird allerdings wohl noch etwas dauern, bis die Einschätzung, wie sie Bernd Faulenbach 1994 formulierte, allgemeiner Wissensstandard wird, dass nämlich Hedwig Hintze nicht nur ein gebührender, sondern ein herausragender Platz in der Historikergeneration der Weimarer Republik eingeräumt werden müsse. 29)

Die Geschichtswisssenschaft - das ist eine Binsenweisheit - bedarf immer wieder einer gründlichen Überprüfung ihres historisch-politischen Standorts und ihrer Aufgaben in der Gesellschaft. Das ist in unserer 'Zunft' nicht immer leicht gefallen. Allzu oft konnte und kann man sich im mainstream der Forschung gewissermaßen verstecken. Aufbruchstimmungen, wie z.B. nach 1968, halten sich nicht lange, es folgt zumeist schnell die Rückkehr zu herkömmlichen Strukturen und Hierarchien. Auch in den neuen Universitäten mit anfänglich anderen Perspektiven, zu denen wir Bremen ja einmal rechnen durften, kehrt unsere Disziplin heute wieder zum Gewohnten zurück: Sie verschult das Grundstudium, hält skeptische Distanz zu neuen Fragestellungen und Forschungsrichtungen und lässt sich nur schwerfällig auf den interdisziplinären Diskurs ein. Sie bietet dem wissenschaftlichen Nachwuchs nur wenig Integrationsmöglichkeiten und den Quereinsteigern oder Querdenkern kaum eine Chance. Es bedarf, wir wissen es alle, unendlicher Anstrengungen für nur ganz kleine Schritte in Richtung auf neue Themen und Fragestellungen und deren Aufnahme in den Fachkanon. Und das gilt verstärkt für die Interessen von HistorikerInnen, die sich der Erforschung des Geschlechterverhältnisses und/oder der Frauengeschichte verschrieben haben. Unsere spezifisch weiblichen Erfahrungen im akademischen Alltag scheinen mir allerdings eine gute Voraussetzung für ein vertieftes Verständnis der Situation an den deutschen Universitäten zu sein, wie sie unsere Vorläuferinnen, die ersten Studentinnen und Wissenschaftlerinnen vorfanden und durchleben mussten. Das Forschungsinteresse an dieser Thematik ist groß, wie nicht nur die Beiträge zu dieser Tagung beweisen, und das Thema hat seine unleugbare Bedeutung als ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte.

Besonders wichtig und unverzichtbar scheint mir als Historikerin ein Blick darauf zu sein, was im Rahmen unseres Faches wissenschaftlich, politisch und menschlich zu verantworten ist, was uns ‚belastet‘, was noch nicht bereinigt ist, wenn es denn zu bereinigen wäre. Dazu gehört in vorderster Linie die Verantwortung für den Exodus jüdischer WissenschaftlerInnen während der Zeit des Nationalsozialismus und für das damit verlorene wissenschaftliche Potential, aber auch ganz konkret die Verantwortung für das elende Schicksal von Menschen wie Hedwig Hintze, die unter den deutschen Historikern, soweit wir wissen keine Hilfe und Unterstützung fand. In unsere Zunft wird ferner immer noch nicht genug über die Alternativen in der Forschungsgeschichte nachgedacht; man belässt im Dunkel, was auch zu seiner Zeit nicht im Rampenlicht stand. Dem Nachwuchs wird das Nachfragen und Nachforschen bis heute keineswegs erleichtert, es scheint sogar, als ob mit dem Quellenmaterial selbst noch nachträglich restriktiv umgegangen worden sei. Es ist Zeit, Fragen zu stellen, Vorwürfe zu erheben, um deutlich zu machen, dass zur Ausbildung der jungen HistorikerInnen-Generation genaue Kenntnisse über die Geschichte der eigenen Wissenschaftsdisziplin, ihrer Licht- und Schattenseiten, gehören.

Am ‚Fall Hedwig Hintze‘ wird das jahrzehntelange Versäumnis des Vergessens und die Schuld an ihrem aktiven Verdrängen aus der scientific community besonders deutlich. Wir möchten uns daher in der von uns 1996 gegründeten Hedwig Hintze-Gesellschaft für historische Forschung und Bildung auf den Weg machen, die Leistungen der seinerzeit alternativen Geschichtswissenschaft ebenso wie das Schicksal ihrer VertreterInnen aufzuspüren und neu zu würdigen. Hedwig Hintze gehört an vorderster Stelle dazu. Ihre Forschungsergebnisse, wissenschaftlichen Neuansätze und ihre Persönlichkeit gehören zurückgeholt in unsere historische Allgemeinbildung und in den Kanon des zu vermittelnden Wissens. Das beinhaltet zunächst eine systematische Sammlung all ihrer Publikationen im Hedwig Hintze-Institut Bremen und sodann eine Neuedition ihrer verstreut erschienenen, schwer zugänglichen Schriften, die dann in der Schriftenreihe des Hedwig Hintze-Instituts erscheinen sollen. Das bedeutet auch weiterhin die Spurensuche in allen erdenklichen Archiven und Nachlässen, die bis heute noch nicht gesichtet werden konnten.

Hedwig Hintze wird man heute“, schreibt Bernd Faulenbach 1994 hoffnungsvoll und überzeugt, „als herausragende deutsche Historikerin der Französischen Revolution in der Epoche zwischen den Weltkriegen betrachten. Ihre Biographie ist aber nicht nur deshalb bedeutsam; sie verweist vielmehr - in der persönlichen, wissenschaftlichen und politischen Dimension - auf den partiellen Aufstieg und das Scheitern emanzipatorisch-demokratischer Ideen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Ende dieses Jahrhunderts gibt es Grund, sich an diese Geschichte zu erinnern.“30) Mit siebzehn Jahren, 1903, hatte Hedwig Guggenheimer in ihrem ersten Artikel über die Erziehungsfrage geschrieben:
"Wie viel hat die moderne Frau errungen! Die Eroberung der Universität ist ihr geglückt und mit eisernem Wollen voll mutigen Fleißes erklimmt sie allmählich all die Sonnenhöhen menschlicher Wissenschaft."31)
Der jungen Hedwig Guggenheimer, einer geübten Bergsteigerin, schien der Aufstieg verlockend, der Ausblick von oben atemberaubend schön. Lange war ihr der Aufenthalt auf dem Gipfel jedoch nicht erlaubt, tiefer hätte sie am Ende ihres Lebens nicht fallen können. Die Höhen der Wissenschaft wurden jedenfalls kein dauerhafter Ort für Hedwig Hintze.

Aus: Elisabeth Dickmann/Eva Schöck-Quinteros (Hg.): Barrieren und Karrieren. 100 Jahre Frauenstudium in Deutschland. Vorträge und Beiträge zu einer Tagung an der Universität Bremen, Februar 1997. - Berlin: trafo-Verlag 2000 (Schriftenreihe des Hedwig Hintze-Instituts Bremen. 5.)

Anmerkungen

Dora Benjamin*: "...denn ich hoffe nach dem Krieg in Amerika arbeiten zu können."
Stationen einer vertriebenen Wissenschaftlerin (1901-1946)
Von Eva Schöck-Quinteros

Zuerst erschienen in "Barrieren und Karrieren", hrsg. von Elisabeth Dickmann und Eva Schöck-Quinteros, Berlin, trafo-Verlag 2000. Schriftenreihe des Hedwig Hintze-Instituts. 5. S. 71-102; in 2. Auflage 2002

"Die Kindheit lag schon beinahe hinter mir, da endlich schien er (der Mond - Sch.-Q.) gewillt, den Anspruch auf die Erde, den er sonst nur bei Nacht erhoben hatte, vor ihrem Tagesantlitz anzumelden. Hoch überm Horizont, groß, aber blaß, stand er am Himmel eines Traumes über den Straßen von Berlin. Es war noch hell. Die Meinigen umgaben mich, ein wenig starr, wie auf einer Daguerreotypie. Nur meine Schwester fehlte. 'Wo ist Dora?' hörte ich meine Mutter rufen. Der Mond, der voll am Himmel gestanden hatte, war plötzlich immer schneller angewachsen. Näher und näher kommend, riß er den Planeten auseinander. Das Geländer des eisernen Balkons, auf dem wir alle über der Straße Platz genommen hatten, zerfiel in Stücken, und die Leiber, die ihn bevölkert hatten, bröckelten geschwind nach allen Seiten auseinander. Der Trichter, den der Mond im Kommen bildete, sog alles in sich ein. Nichts konnte hoffen, unverwandelt durch ihn hindurchzugehen."

Drei Fotos, die ihren Lebensweg einfangen und widerspiegeln, begleiten meine Recherche nach Dora Benjamin.
Das erste Bild zeigt die drei Benjaminkinder Walter, Georg und Dora in genau überlegter Aufstellung zueinander und dürfte um 1903 aufgenommen sein. Die beiden Brüder im Matrosenanzug: links im Bild sitzt der große Bruder Walter relativ lässig auf einem eleganten Stuhl; in der Mitte steht das Mittelkind Georg und verbindet den Großen mit der Kleinen; seine rechte Hand liegt, für den Betrachter versteckt, auf der Rückenlehne von Walters Stuhl, seine linke hält die Armlehne des Stuhls rechts im Bild locker umfangen, auf dessen vorderster Kante die kleine Schwester zu sitzen versucht. Dora trägt ein weißes, über die Sitzfläche des Stuhles ausgebreitetes Spitzenkleid mit kurzen Ärmeln, ihr linker praller Kinderarm schaut heraus, mit der linken Hand hält sie ein Weidenkörbchen, gefüllt mit Blumen, auf dem Schoß fest, ihre Füße in schwarzen Lackschuhen und weißen Söckchen suchen Halt auf einem untergeschobenen Polster, weil der Weg zum Boden für die kurzen Beine noch zu weit ist. Aus rundlichem Kleinkindergesicht mit dunklen Wuschellocken und weißer Schleife schaut sie aufmerksam zum Fotografen. Ein Bild um die Jahrhundertwende aus dem deutschen Kaiserreich, das bürgerlichen Wohlstand und Behütetsein ausstrahlt; die Zukunft scheint freundlich und offen vor den Geschwistern zu liegen.
Dreißig Jahre nach dieser Aufnahme sollte die Nazidiktatur in Deutschland die Bahnen ihres Lebens und dessen Ende bestimmen. Dr. phil. Walter Benjamin nimmt sich in einer ausweglosen Situation am 26. September 1940 an der spanisch-französischen Grenze das Leben, Dr. med. Georg Benjamin wird am 26. August 1942 im KZ Mauthausen ermordet, Dr. jur. Dora Benjamin stirbt am 1. Juni 1946 in Zürich, der Endstation ihrer Flucht.
Das zweite Foto aus den späten 20er Jahren zeigt Dora Benjamin als junge attraktive Frau im Halbprofil, eleganter Hut mit breiter Krempe, schickes Kleid aus leichtem, dunklem Stoff mit hellen Blumen. Nachdenklich-skeptisch schaut die promovierte Nationalökonomin und Mitarbeiterin in der Redaktion der "Sozialen Praxis", der renommierten Zeitschrift der bürgerlichen Sozialreform, aus dem Bild heraus.
Das dritte Foto ist das Passbild des am 18. Mai 1943 ausgestellten Schweizer Flüchtlingsausweises für die inzwischen durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 staatenlos gewordene Dora Benjamin. Das dichte, völlig ergraute Haar ist schlicht aus dem Gesicht gekämmt, Augenausdruck und Gesichtszüge verraten, dass sie jahrelang gelebt hat, was Walter Benjamin im August 1940 so beklemmend für sich beschrieb: "Die völlige Ungewißheit über das, was der nächste Tag, was die nächste Stunde bringt, beherrscht seit vielen Wochen meine Existenz. Ich bin verurteilt, jede Zeitung (sie erscheinen hier nur noch auf einem Blatt) wie eine an mich ergangene Zustellung zu lesen und aus jeder Radiosendung die Stimme des Unglücksboten herauszuhören." Im Mai 1943 schreibt Dora Benjamin aus der bitteren Perspektive der im letzten Moment zufällig Geretteten und Überlebenden über die Zeit in Frankreich nach der Besetzung durch die deutschen Truppen: " Es ist natürlich besonders schmerzlich für mich, daß ich im Augenblick 'gerettet' erscheine, und er den Verhältnissen drüben zum Opfer fiel. Andererseits muß ich sagen, daß besonders das letzte Jahr so ungeheuerlich schwer war, daß es wahrscheinlich für einen so sensiblen Menschen, wie Walter es war, ein Glück ist, daß er es nicht erleben mußte...Das, was er von dem Zusammenbruch Frankreichs erlebte - und worunter er schwer litt - war ja nur der Auftakt zu dem viel Grauenvolleren, was später kam."

In den Biographien über die berühmten Brüder Walter (geb. 1892) und Georg (geb. 1895) wird die Tatsache, dass 1901 noch eine Schwester geboren wurde, meist nur lapidar vermerkt und, wenn überhaupt, mit wenigen, oft ungenauen Daten über ihr Leben ergänzt. Hier kann und soll weder ein Stück Benjaminscher Familiengeschichte geschrieben noch auf eine übersehene Schwester aufmerksam gemacht werden, sondern im Mittelpunkt stehen Werdegang, Entwicklung und (Über)leben einer eigenständigen jungen Wissenschaftlerin in der Weimarer Republik und in der Emigration nach 1933. Zwar sind die Linien ihres Lebens, ihrer politischen Entwicklung und wissenschaftlich-beruflichen Tätigkeit, mit denen ihrer Brüder verwoben: In den Berliner Jahren wohl mehr mit Georg Benjamin, Stadtschularzt in Berlin-Wedding und Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, und dessen Frau Hilde Benjamin, geb. Lange, Rechtsanwältin und Doras Schulfreundin; im Pariser Exil dann mit Walter Benjamin. In diesem Beitrag werden die Stationen ihres Lebens berichtet.
Hiltrud Haentzschel hebt hervor, dass in der Exilforschung bis jetzt überwiegend Wissenschaftlerinnen ins Blickfeld geraten sind, die entweder in Deutschland, wie marginal auch immer, einen Status an einer Universität oder wissenschaftlichen Einrichtung hatten und/oder sich im Exilland einen solchen erarbeiten konnten. Dora Benjamin hingegen kann als Beispiel für diejenigen zahlreichen jungen, links orientierten Sozial- und Geisteswissenschaftlerinnen stehen, die nach ihrer Dissertation ohne feste institutionelle Anbindung geforscht, gearbeitet und publiziert haben, bis sie der Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben hat, und die, wenn sie sich überhaupt retten konnten, unter den Bedingungen des Exils ihre wissenschaftliche Tätigkeit trotz aller Bemühungen nicht mehr erfolgreich aufnehmen konnten. Sie werden, wie Dora Benjamin, hie und da mit ihren Dissertationen in Literaturverzeichnissen registriert, vielleicht sogar zitiert. Ihre Namen lesen wir gedankenlos in Zeitschriften verschiedener Disziplinen und politischer Richtungen aus der Zeit der Weimarer Republik; doch welches Schicksal für sie nach 1933 bereitet wurde, diese Frage wird meist nicht gestellt, ihre Spuren werden nicht gesucht.
So gesehen beleuchtet die Biographie Dora Benjamins einen weiteren Aspekt des Bruches, den das Jahr 1933 auch für die Geschichte intellektueller Frauen in Deutschland bedeutet hat.

Kindheit, Schulzeit, Studium
Am 4. Mai 1901 zeigte der Kaufmann Emil Benjamin auf dem Standesamt Charlottenburg an, dass von seiner Ehefrau Pauline, geb. Schönflies, beide der mosaischen Religion zugehörig, in der Wohnung Nettelbeckstr. 24 am 30. April 1901 nachmittags um halb vier ein Mädchen geboren sei, das den Namen Dora erhalten habe. Die Geburtsurkunde ist, abgesehen von wenigen Fotos, das einzige Dokument, das aus der Kindheit Dora Benjamins erhalten ist. An Liebe und Zuwendung dürfte es dem Nesthäkchen weder von den Eltern noch von den beiden Großmüttern gefehlt haben. Für eine gründliche Allgemeinbildung der einzigen Tochter zu sorgen, war im Hause Benjamin ebenso selbstverständlich wie in anderen gutbürgerlichen jüdischen Familien zu dieser Zeit. Dora besuchte das Bismarck-Lyceum in Berlin-Grunewald, wo der Vater im Jahre 1912 ein "burgartiges Villenhaus" erworben hatte, in dem die Familie eine geräumige Etage mit Wintergarten bewohnte. Auf den ersten Blick könnte erwartet werden, dass für Doras Jahrgang in Preußen mit der Mädchenschulreform und der Öffnung der Universitäten für das Frauenstudium endlich entscheidende Barrieren auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Allgemeinbildung des weiblichen Geschlechts beseitigt worden wären. Doch wie so oft steckt auch hier der Teufel im Detail. Zwar regelten die im August 1908 in Preußen erlassenen "Bestimmungen über die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens", dass nach dem siebten, bzw. achten Schuljahr des Mädchenlyzeums Studienanstalten eingerichtet werden sollten, die nach sechs, bzw. fünf Jahren zur Hochschulreife führten. Doch 1918 gab es in ganz Preußen erst 45 Lyzeen, die ihren Schülerinnen diese Gabelung anbieten konnten. Der individuelle Besuch von Mädchen auf höheren Knabenschulen - wie es zum Beispiel in der Freien Hansestadt Bremen jahrelange Praxis gewesen war - war in Preußen nicht erlaubt. So hatte Dora Benjamin auch noch zehn Jahre nach der Mädchenschulreform keine andere Wahl, als nach Abschluss des Lyzeums ab Ostern 1918 in die von Helene Lange gegründeten Gymnasialkurse für Frauen zu gehen. Hier schloss sie Freundschaft mit der ein Jahr jüngeren Hilde Lange aus Steglitz, die aus einer bürgerlich- protestantischen Familie kam. Nach anderthalb Jahren änderte sich die Situation durch die Bestimmungen des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 3. Juni 1919. Zum ersten Mal wurde die Aufnahme von Mädchen in höhere Knabenschulen in genau definierten Ausnahmefällen geregelt:
" da, wo keine höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend zur Verfügung stehen, kann der Zutritt geistig und körperlich geeigneter Mädchen in Klassen der höheren Knabenschulen eröffnet werden".
Diese Mädchen mussten äußerst begabt sein, exzellente Zeugnisse haben, eine schwere Aufnahmeprüfung bestehen und ein Gesundheitszeugnis vorlegen. Trotz dieser Auflagen wuchs die Zahl der Schülerinnen auf höheren Knabenschulen kontinuierlich an. Dora Benjamin gehörte zu denjenigen Mädchen in Berlin, die diese Chance sofort ergriffen. Im Herbst 1919 wechselte sie in das Grunewald-Realgymnasium, an dem schon ihr Bruder Georg Ostern 1914 das Abitur abgelegt hatte, und an dem - unterstützt von den Lehrern und der Elternschaft - 1919 die Koedukation eingeführt wurde. Auch Hilde Lange verließ die Gymnasialkurse und besuchte für die letzte Schulzeit eine Studienanstalt in Steglitz. Der enge Kontakt zwischen den beiden Freundinnen, der rege Austausch über ihre Zukunftspläne, über Literatur und Kunst blieb bestehen. Im Herbst 1920 notierte Hilde Lange in ihr Tagebuch:
"Steglitz, 7. Okt. 1920 Nachmittags Dora Benjamin hier. Sehr nett. Über Oktavio u. Wallenstein, Storm u. Mörike, Spiritismus und Träume, Tod in Venedig gesprochen. Berufsfrage: Dora schwankt, ob sie studiert."
12. Oktober 1920:
...Nachmittags bei Dora. Bei herrlichem Wetter und unendlicher Herbstschönheit spazierengegangen, wieder Berufsfragen, Schule. Dann den Rembrandt von Verhaeren angesehen. Viele Rembrandtbilder, die bisher unbekannt, tiefen Eindruck. Zwei merkwürdige Dinge: ich hatte heute mehrere Male eine ganz bestimmte Erinnerung an etwas, ohne es finden zu können. Und dann sagten Dora und ich stets dasselbe über die Rembrandtbilder."

Im Frühjahr 1921 war es dann soweit, im Hause Benjamin wurde im Kreise der zahlreichen Verwandtschaft das Abitur der Tochter gebührend gefeiert. Ihre Freundin erinnerte sich noch Jahrzehnte später: “Anläßlich Doras Abitur gab es eine , und jeder Gast fand auf seiner Tischkarte einen scherzhaften Vers. Für das Sommersemester 1921 immatrikulierten sie sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin: Dora für Nationalökonomie, Hilde für Rechtswissenschaften. Während sich letztere wagemutig für ein Studium in der Männerdomäne par excellence entschieden hatte , wählte Dora ein Fach, das "dem Weib früh Gastlichkeit" erwiesen hatte und das bei den Studentinnen zu den beliebtesten Fächern gehörte.
Die Berliner Universität war seit der Jahrhundertwende eines der Zentren des Frauenstudiums der Nationalkökonomie. Zum einen lag dies an der schon in der Umfrage von Arthur Kirchhoff deutlich werdenden aufgeschlossenen Haltung der Vertreter der historischen Schule der Nationalökonomie (so vor allem Gustav Schmoller, Heinrich Herkner, Max Sering). Sie gingen davon aus, dass die genaue Kenntnis von Teilen des wirtschaftlichen Lebens nur mit Hilfe wissenschaftlich geschulter Frauen möglich sei. Dies galt vor allem für die Fabrikarbeit von Frauen, insbesondere von Ehefrauen und Müttern, die das Bürgertum in dieser Zeit in hohem Maße beunruhigte, weil sie ihren Vorstellungen von Familie, Sittlichkeit und Moral widersprach. Frauen waren nach Meinung der Nationalökonomen besser geeignet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen des weiblichen Proletariats zu untersuchen und Enquêten über weibliche Erwerbstätigkeit zu erheben. Die Möglichkeit der "verdeckten Beobachtung" als Arbeiterin in der Fabrik hatten ausschließlich Frauen. Zum anderen aber hatten bürgerliche Frauen selbst den Wunsch, die ihnen unbekannte "Welt der nächsten Nähe" zu erforschen. Die Arbeiterinnenfrage als die "vielleicht brennendste unter allen sozialen Fragen der Gegenwart" trieb sie nach eigenem Urteil zur Beschäftigung mit nationalökonomischen Problemen. Diese anfänglich klare Arbeitsteilung zwischen männlichen und weiblichen Forschern hatte zum Ergebnis, dass eine Furcht vor der Konkurrenz von Frauen in der Disziplin der Nationalökonomie nicht aufkommen konnte, sondern dass der wissenschaftliche Beitrag von Frauen im Gegenteil als notwendige Ergänzung befürwortet wurde.

Auch bei Dora Benjamin dürfte das Interesse an sozialpolitischen Fragen und frauenspezifischen Themen ausschlaggebend für die Wahl ihres Studienfaches gewesen sein. Nach dem Intermezzo eines Sommersemesters an der süddeutschen kleinen Universitätsstadt Heidelberg kehrten die beiden unzertrennlichen Freundinnen in die Großstadt zurück. Dora Benjamin setzte ihr Studium an der Berliner Universität fort; außerdem arbeitete sie seit Oktober 1922 als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin im Archiv der Darmstädter und Nationalbank." Nach dem Wintersemester 1922/23 wechselte Dora Benjamin erneut den Studienort, und zwar zur Friedrich-Schiller-Universität Jena. Über die Motive, weshalb sie ihre Studien nicht an dem großen staatswissenschaftlich-statistischen Seminar der Friedrich-Wilhelms-Universität fortsetzte, an dem bekannte Förderer des Frauenstudiums lehrten, ist nichts bekannt.
In Jena entstand ein guter Kontakt zwischen Dora Benjamin und dem a.o. Professor Karl Muhs. In ihrer Dissertation bedankte sie sich für die Unterstützung, die er ihrer Arbeit "hat angedeihen lassen und das Interesse, das er ihr auch in der Zeit ihrer Entstehung entgegenbrachte". Für die empirischen Recherchen ihrer Arbeit ging sie im Wintersemester 1923/1924 wieder nach Berlin zurück. Als Karl Muhs zum Sommersemester 1924 als ordentlicher Professor an die Rechts-und Staatswissenschaftliche Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald berufen wurde, schrieb sich Dora Benjamin dort ein und reichte im Juli 1924 ihre Dissertation über "Die soziale Lage der Berliner Konfektionsheimarbeiterinnen mit besonderer Berücksichtigung der Kinderaufzucht" der Fakultät ein. Das Gutachten von Karl Muhs, der sich selbst mit sozialpolitischen Fragen nicht beschäftigte, fiel knapp, aber wohlwollend aus:
"Staatswissenschaftliches Seminar
der Universität Greifswald - 31.10.1924
Die Arbeit Frl. Benjamins ist eine gründliche Studie über ein Gebiet der Berliner Heimindustrie, das der Erforschung überaus schwer zugänglich ist. Verf. hat eine eigene Enquête veranstaltet u. durch zahlreiche Besuche eine unmittelbare Anschauung von den zu untersuchenden Zuständen gewonnen. Die Verarbeitung des Materials ist sorgfältig und läßt Selbständigkeit des Denkens in hohem Maße erkennen.
Die Abhandlung ist 'voll befriedigend', ich beantrage Zulassung zu der Prüfung.
Muhs
Die Arbeit ist druckreif.

In welche Richtung sich ihre Interessen im Verlauf des Studiums und während der Bearbeitung der Dissertation entwickelt haben, zeigen ihr Antrag an die Fakultät auf Genehmigung der Hygiene, also ein Gebiet der medizinischen Fakultät, als außergewöhnliches Nebenfach und das Ergebnis der mündlichen Prüfung. In den klassischen Gebieten der Nationalökonomie - Grundlegung der Finanzwissenschaften, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Handelspolitik - wurden ihre Leistungen mit der Note "ausreichend" bewertet, im Staatsrecht mit "befriedigend", im Fach Hygiene aber gab ihr Professor Prausnitz das Prädikat "Sehr gut".

"Kinderarbeit ist eine Kulturschande"
Dora Benjamins Position im Diskurs über Heimarbeit

Mit der Wahl ihres Dissertationsthemas und mit ihrer Arbeitsweise stellte sich Dora Benjamin in die Tradition der ersten Generation von Nationalökonominnen zu einem Zeitpunkt, als Studentinnen der Nationalökonomie auch schon theoretische, geschlechtsunspezifische Fragen zu bearbeiten anfingen. Sie befasste sich mit einem Gebiet der Frauenerwerbsarbeit, der Heimarbeit in der Berliner Konfektionsindustrie und erhob empirisches Material mit Hilfe einer Fragebogenaktion und zahlreicher persönlicher Befragungen von Heimarbeiterinnen in deren Wohnungen. Die zentrale Fragestellung ihrer Arbeit war: "Inwieweit beeinflußt - hemmt oder fördert - die Heimarbeit der Frau das Aufwachsen des Kindes?" Mit diesem Ausschnitt aus dem "großen, zu immer stärkerer Bedeutung erlangenden Problemkomplex: Beruf und Mutterschaft" mischte sie sich in die seit der Jahrhundertwende intensiv geführte sozialpolitische Debatte über Abschaffung oder Aufrechterhaltung von Heimarbeit ein. Unter maßgeblicher Beteiligung von Frauen aus dem christlich-sozialen Umfeld (z.B. Gertrud Dyhrenfurth, Margarete Behm und Käthe Gaebel) hatte sich vor 1914 die Auffassung durchgesetzt, daß es sich bei der Heimarbeit um schutzwürdige, unverzichtbare Arbeitsplätze für Mütter und Ehefrauen handele. Entscheidende Eckpfeiler, die dem Gerüst der Argumentation gegen die außerhäusliche Erwerbsarbeit von Müttern Überzeugungskraft verleihen sollten, waren: Fabrikarbeit und die damit verbundene Abwesenheit der Mutter verursache wegen der geringeren Stillhäufigkeit und der mangelnden Aufsicht den Tod von Säuglingen und Kleinkindern sowie die Verwahrlosung und Kriminalität von Kindern und Jugendlichen. Die empirische Basis hierfür war in der zeitgenössischen Literatur beeindruckend schmal; dennoch wurden diese Aussagen in der (sozial)politischen Diskussion über Heimarbeit als nicht weiter zu hinterfragende Wahrheit behandelt. An diesem Punkt setzte Dora Benjamin mit ihrer Untersuchung an, indem sie die von der bürgerlichen Sozialreform und Frauenbewegung meist nicht berücksichtigten Ergebnisse der Sozialhygiene aufgriff und in ihrer Enquête ausführlich nach dem Verlauf von Schwangerschaften, nach der Zahl von Fehl-und Totgeburten, nach der Stilldauer, Kindersterblichkeit, Unterbringung von Kindern im Kindergarten, nach Spielmöglichkeiten und dem Aufenthalt der Kinder im Freien, nach Kinderarbeit und den Wohnverhältnissen (zum Beispiel Zahl der Betten für Kinder) fragte. Das heißt, das Wohl des Kindes, das in den anderen Untersuchungen zum quasi natürlichem Produkt der Nicht-Trennung von Mutter und Kinder erklärt wurde, war bei Dora Benjamin Gegenstand ihrer Fragestellung, Hauptzweck ihrer Dissertation. Sie reflektierte sorgfältig die begrenzte Reichweite ihrer empirischen Daten, die sie nur aus Umfragen und Gesprächen mit Mitgliedern des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen gewonnen hatte. Ebenso vorsichtig abwägend, doch in den Kernaussagen eindeutig und klar bezog sie Stellung gegenüber den Verfechtern/innen der Heimarbeit. Letztere wollten in der Heimarbeit das sehen, "was man nicht in ihr sehen kann, die Harmonie der Funktionen der Frau als Mutter und Erwerbsarbeiterin, und was sie auch in Zukunft nicht erfüllen wird. Neben ihr erschien von dieser idealen Betrachtungsweise aus die Fabrikarbeit mit ihrer notwendigen Trennung von Mutter und Kind, aus der man die Auflösung des Familienlebens folgern zu müssen glaubt, als Zerrbild".
Dora Benjamin stellte fest, dass die Konstitution der Neugeborenen wegen der anstrengenden und langen Heimarbeit der Frauen geschädigt werden könne; sie stimmte aber mit den Befürworter/innen der Heimarbeit überein, dass die Säuglinge der heimarbeitenden Mütter aufgrund der höheren Stillziffer besser gestellt seien als die der Fabrikarbeiterinnen. Das Kleinkind der Heimarbeiterin aber sei, so betonte Dora Benjamin immer wieder, durch den langen Arbeitstag der Mutter und die dauernde räumliche Gebundenheit, durch die die ungünstigen Wohnungsverhältnisse ein größeres Gewicht bekämen, wesentlich gefährdeter. Da der Lohn der Fabrikarbeiterin ihrer Analyse nach immer über dem der Heimarbeiterin liegen werde, sei es sozialpolitisch sinnvoller, durch entsprechende Maßnahmen den Fabrikarbeiterinnen bei der Aufzucht der Säuglinge und Kleinkinder zu helfen. Hierbei nannte sie eine sowohl von der Höhe des Entgeltes wie in der zeitlichen Dauer großzügige Mutterschaftsversicherung, den Ausbau von Stillkrippen und Kindergärten sowie eine gründliche Ausbildung der Kindergärtnerinnen. Ihr zentraler Einwand gegen die Idealisierung der Heimarbeit lautete: "Die Hauptgefahr bildet hier die Kinderarbeit, der die Heimarbeit trotz Kinderschutzgesetz Tür und Tor öffnet."
Das Problem der Kinderarbeit in der Heimarbeit war der bürgerlichen Sozialreform und bürgerlichen Frauenbewegung nicht unbekannt, doch war es für sie nur von nachrangiger Bedeutung. Offenkundig wurde dies zum Beispiel in der Berichterstattung der Sozialen Praxis, dem führenden publizistischen Organ der bürgerlichen Sozialreform, anlässlich der Deutschen Heimarbeitsausstellung in Berlin im Jahre 1925. In zahlreichen Beiträgen wurden verschiedene Aspekte der Heimarbeit beleuchtet, doch ein Artikel zur Kinderarbeit fehlte. Lediglich Dora Benjamin ging in ihrer Analyse der Sonderberichte der Gewerbeaufsichtsämter zu dieser Ausstellung ausführlich auf die Einbeziehung von Kindern in den Arbeitsprozess ein. Von 1925 bis 1930 gehörte Dora Benjamin zum Mitarbeiterkreis der Sozialen Praxis. Neben der Heimarbeit war sie für Analysen des Arbeitsmarktes und der internationalen Migration zuständig. Engen Kontakt hatte sie vor allem zu der siebzehn Jahre älteren Nationalökonomin Frieda Wunderlich, Mitherausgeberin der Sozialen Praxis und ab 1931 Generalsekretärin der Gesellschaft für soziale Reform. Frieda Wunderlich dürfte sich auch dafür eingesetzt haben, dass Dora Benjamin den Auftrag bekam, die Ergebnisse der Deutschen Heimarbeitsausstellung 1925 für die Schriftenreihe der Gesellschaft für soziale Reform zusammenzufassen. Sie benutzte geschickt die Gelegenheit, ihre Sicht der Heimarbeit in dem Bericht unterzubringen. In der Darstellung der hygienischen Verhältnisse formulierte sie nun eine deutlich schärfere Kritik an der Beschönigung der Zustände in der Heimarbeit, wie sie vor allem von den bürgerlichen Vertreterinnen des Gewerkvereines der Heimarbeiterinnen betrieben wurde. Sie setzte sich mit der Methode der Materialbeschaffung auseinander und kritisierte, daß sich der von den Gewerkschaften an die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen ausgegebene Fragebogen vor allem auf Arbeitszeit und Löhne konzentriere, wodurch die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen häufig nicht festzustellen sei. In einem Kapitel behandelte sie dennoch ausführlich die Kinderarbeit. Aufgrund des Fragebogens wie auch als Folge des Kinderschutzgesetzes schätzte sie die Angaben als sehr lückenhaft ein. Trotz dieser Einschränkung zeigten die von Dora Benjamin zusammengestellten, von Gewerkschaften, Lehrern und Gewerbeaufsichtsämtern erhobenen Daten drastisch das Ausmaß an Kinderarbeit in den zwanziger Jahren der Weimarer Republik. Ihren Standpunkt bekräftigte sie mit einem Zitat des Hygienikers Adolf Thiele:
"Gewerbliche Kinderarbeit ist vom biologischen Standpunkt aus ein Widerspruch in sich selbst. Es gehörte die ganze naturwissenschaftliche Unbildung der Zeit dazu, die Volkswirtschaft darauf einzustellen, daß auch die werdenden Kräfte in das Getriebe des Erwerbs, in die Kalkulation verflochten wurden."
1931 erschien der letzte Aufsatz Dora Benjamins zu dieser Thematik. In dem großen von Ada Schmidt-Beil herausgegebenen Sammelband "Die Kultur der Frau.- Eine Lebenssymphonie der Frau im XX. Jahrhundert" verfasste sie den Beitrag über Verbreitung und Auswirkung der Frauenerwerbsarbeit. Ihre Sprache war jetzt politischer und radikaler geworden. Sie beschrieb nachdrücklich die strenge Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die aus ihr resultierenden zwei, wenn nicht sogar drei Berufe der Frauen: Haus- und Erwerbsarbeit, “Kinderaufzucht”. Kompromisslos denunzierte sie wieder die falsche Idylle der Heimarbeit und die Gefahren der Kinderarbeit, wobei sie nicht die Eltern beschuldigte, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse anprangerte:
"Und das Wichtigste: Die Heimarbeit birgt in sich die Möglichkeit, und wir können sagen, infolge der niedrigen Löhne für sehr viele die Notwendigkeit, die Kinder mit zur Arbeit heranzuziehen. Diese Kinder kommen völlig um ihre Kindheit, sie sind kleine, verkümmerte Erwachsene. Kinderarbeit ist eine Kulturschande. Aber die Schuld an der Arbeit der Kinder dürfen wir in den allermeisten Fällen nicht den Eltern zuschieben. Es ist Schuld der Gesellschaft, daß die Eltern nicht die Möglichkeit haben, ohne die Arbeit der Kinder zu leben und diese großzuziehen."
Dora Benjamin warf den Frauen vor, dass sie zu einem wesentlichen Teil selbst die Verantwortung für die Billigkeit ihrer Arbeit trügen. Sie müssten sich für die Bezahlung ihrer Arbeitskraft selbst einsetzen und für ihren Lohn kämpfen. Die einzelne Frau könne dies für sich allein nicht tun, sondern sie müsse sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen und daran denken, dass "der Kampf für ihre Interessen von den Gewerkschaften und den Parteien geführt wird, und sie ist deshalb verpflichtet, sich den Organisationen anzuschließen." Zugleich plädierte sie in Übereinstimmung mit der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland gegen eine radikale Gleichstellung der Geschlechter und für einen Sonderschutz der erwerbstätigen Frauen sowie für die Gewährung eines, zusätzlich zu den allgemeinen Ruhetagen, freien Tages im Monat. Sie kritisierte, dass es viel zu wenige kommunale Einrichtungen (Kindergärten, Horte, Krippen) gäbe; deshalb sei "die Heranziehung der Kinder für das Proletariat mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. Diese Notlage der arbeitenden Frauen ist eine Erklärung dafür, daß Deutschland das Land mit der höchsten Frauenselbstmordziffer in Europa, vielleicht der ganzen Welt ist; eine Erklärung dafür, daß in Deutschland 1926 16.480 Frauen freiwillig den Tod fanden."
Zwar hatte Dora Benjamin durch ihre Publikationen eine öffentliche Plattform für ihre Beurteilung der Heimarbeit bekommen, doch ihre Position und ihre Fokussierung der Problematik auf das Wohl der Kinder und deren Beteiligung im Arbeitsprozess sind während der Weimarer Republik ohne greifbare Resonanz geblieben. Ihre Warnung vor dieser der Heimarbeit immanenten Gefahr ist jedoch heute global gesehen ebenso aktuell wie sie es damals war.

Mitarbeit am Kreuzberger Gesundheitshaus
Ende der zwanziger Jahre bricht das wissenschaftlich-publizistische Schaffen der Nationalökonomin Dora Benjamin ab. Hinweise, ob sie jemals eine Habilitation erwogen hat, gibt es nicht. Auch dürfte das Scheitern der Habilitationsversuche Walter Benjamins wenig stimulierend für die Schwester gewesen sein; die Distanz zum institutionalisierten, hierarchischen Wissenschaftsbetrieb teilten die drei Geschwister. Doch entscheidend für die neue Phase in der Entwicklung Dora Benjamins weg von der Nationalökonomie hin zur Psychologie und Pädagogik dürfte die Einsicht gewesen sein, dass ihre engagierten Analysen der Heimarbeit als Kinderarbeit nichts bewegten und keinem einzigen Kind tatsächlich helfen konnten. Sie wollte eine praxisnahe Tätigkeit ausüben, mit den unmittelbar Betroffenen arbeiten und dies gleichwohl theoretisch reflektieren. Im Februar 1943 gab sie in dem Fragebogen der Schweizer Polizeibehörden als erlernten Beruf: "Psychologue" und als ausgeübten Beruf: "Rééducation d'enfants difficiles" an. Manchmal bezeichnete sie sich auch als Heilpädagogin. Im "Bericht über berufliche Ausbildung und Tätigkeit" benannte sie folgende Stationen:
"Doctorat de sciences économiques en 1924. Ensuite d'études de psychologie. Membre de la rédaction "Die Soziale Praxis". Activité dans le service de l'Orientation Professionelle de la ville de Berlin. Études de la psychopathologie (Fürsorge für Nervenkranke Bezirksamt Kreuzberg-Berlin). Études spéciales de la méthode de psychodiagnostic de Rorschach et ensuite publications et cours d'enseignements de cette méthode. Rééducation des enfants arriérés et difficiles. Publications concernant tous les sujets dont je me suis occupée."
Bei dieser Entwicklung Dora Benjamins spielten sicherlich auch die sich zuspitzenden politischen Verhältnisse in jenen Jahren und das Beispiel der konkreten politischen und sozialen Arbeit wichtiger Bezugspersonen eine entscheidende, vielleicht sogar ausschlaggebende Rolle. Ihr Bruder Georg war 1922 nach dem medizinischen Staatsexamen in die KPD eingetreten, 1925 wurde er Stadtschularzt in Berlin-Wedding. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel zu sozialhygienischen Themen. Ihre Freundin Hilde Lange, seit 1926 mit Georg Benjamin verheiratet, war 1927 ebenfalls in die KPD eingetreten. 1929, nach dem Assessorexamen, eröffnete sie ihre Anwaltskanzlei in Berlin-Wedding und war für die Rote Hilfe tätig. Beide, Georg und Hilde Benjamin, waren außerdem in der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) aktiv. Zum engsten Freundeskreis gehörten außerdem die Ärzte Fritz Fränkel (1892-1944) und Ernst Joël (1893-1929). Im Bezirk Kreuzberg leitete Fränkel eine der ersten städtischen Fürsorgestellen für Suchtkranke und Joël das 1925 gegründete Gesundheitshaus. Dieses in ganz Deutschland "einzigartige Unternehmen" verband "Gesundheits-Fürsorge und Gesundheits-Aufklärung großzügig zu einer Einheit". Die beiden Ärzte galten als führende Suchtexperten, die die Wirkungen der Drogen auch durch Selbstversuche erforschten. Medizinische Volksaufklärung und der Kampf um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der werktätigen Bevölkerung waren zentrale Inhalte ihrer Tätigkeit. Das leidenschaftliche soziale Engagement von Georg Benjamin, Ernst Joël und Fritz Fränkel und ihre Konzepte einer sozialistischen Gesundheitspolitik müssen Dora Benjamin tief beeindruckt haben; eine Mitarbeit an den Projekten des Gesundheitshauses musste ihr lebendiger und sinnvoller erscheinen als die Redaktionsarbeit in der Sozialen Praxis. Ernst Joël definierte die Aufgabenstellung des Gesundheitshauses:
“Das Gesundheitshaus darf nicht bloß zeigen, wie weit wir es schon gebracht haben, sondern es muß ebenso deutlich zeigen,wie weit wir es noch nicht gebracht haben. Es darf dabei die Schuld des Einzelnen wie der Gesellschaft nicht verschleiern. Es muß nicht nur lehren und darstellen, sondern auch a u f r u f e n. Es muß, wo es nottut, eine heilsame Unzufriedenheit verbreiten. Die Forderung, seine Mitmenschen nicht anzuhusten, ist gewiß nützlich, aber sie wird zur Lächerlichkeit, wenn man die Schande unseres Wohnungswesens gleichzeitig verschweigt. Daraus folgt ein Zweites. Man kann Gesundheitslehre nicht unparteiisch vortragen. Man kann z.B. zur Frage des Alkoholismus nicht den Arzt u n d den Bierbrauer hören (wie dies in Düsseldorf geschehen ist), zur Frage der Siedlung nicht den Bodenreformer u n d den Bodenspekulanten. Man muß auf diese sinnlose Geste der Neutralität verzichten."

Diesem klar formulierten Ziel diente auch die Anfang Oktober 1929 durch das Bezirksamt Kreuzberg eröffnete Ausstellung "Gesunde Nerven" im Gesundheitshaus. Walter Benjamin beschrieb Fragestellung und Leitmotiv der Ausstellung:
"Was wird für den, der den Prozeß gegen Ausbeutung, Elend und Dummheit rücksichtslos führt, nicht alles zu einem corpus delicti? Den Veranstaltern dieser Ausstellung war nichts wichtiger als diese Erkenntnis und der kleine Chock, der mit ihr aus den Dingen springt...unter einem Interieur aus dem Arbeitsamt ein Foliobogen, der in zehn Kolonnen von oben bis unten nur immer mit dem Worte bedruckt ist. Er sieht aus wie die Börsenotierungen einer Tageszeitung. Quer darüber mit fetten Buchstaben: ."
An der Konzeption und Gestaltung der Ausstellung arbeitete Dora Benjamin zuerst mit Ernst Joël und, nach dessen Tod im August 1929, mit Fritz Fränkel eng zusammen. Hier konnte sie ein breites Publikum für den Kampf gegen die Kinderarbeit zu gewinnen versuchen, auf die "Kulturschande der Kinderarbeit", auf "hochschwangere Textilarbeiterinnen, Heimarbeiterinnen, die ihren Kindern nicht Mutter sein können" und auf deren trostlose Wohnverhältnisse aufmerksam machen.
In dieser Zeit begann die intensive, durch gemeinsame Veröffentlichungen dokumentierte Zusammenarbeit zwischen Dora Benjamin und Fritz Fränkel. Im Umgang mit Suchtkranken war ihr Credo:
"Jedenfalls muß von jeder fürsorgerischen Betreuung die Einstellung erwartet werden: Sucht gleich Krankheit, nicht Verbrechen. Nur so kann sie von Erfolg sein, und nur so kann sie dem Patienten die Äquivalente bringen, die für eine Bewahrung vor dem Gift unumgänglich erforderlich sind. Denn das dringendste Gebot für die Giftsüchtigenfürsorge ist: Nicht nur nehmen, sondern auch geben."
Soziale Ursachen - Wohnungselend, Arbeitslosigkeit - und soziale Folgen der Trunksucht standen im Mittelpunkt ihrer "Erfahrungen und Ergebnisse einer offenen Trinkerfürsorge", in denen auch die Probleme von Trinkerkindern breiten Raum einnahmen.

Ihr zweites gemeinsames Arbeitsgebiet war die Anwendung und Weiterentwicklung des Rorschachtests. Dora Benjamin untersuchte, inwieweit dieser Test vor allem in der Kinderdiagnostik sinnvoll eingesetzt werden könnte. Als Erziehungsberaterin war sie nun ebenfalls in der IAH tätig.
Im Jahr 1933, als der Nationalsozialismus Dora Benjamin aus Deutschland vertrieb, war sie mit 32 Jahren mitten in einer Phase der beruflichen und wissenschaftlichen Neuorientierung. Sie gab kein festes Arbeitsverhältnis auf. Der Gegenstand ihres Interesses blieb von ihrem ersten Themenschwerpunkt, der Heimarbeit, bis zu den psychologischen, pädagogischen Studien der letzten drei bis vier Jahre unverändert: Es war die Auseinandersetzung mit Kindern und die Beschäftigung mit deren gesellschaftlich bedingten und individuellen Problemen, die sich auch durch die Zeit des Exils in Frankreich und der Schweiz verfolgen lassen.
Dora Benjamin verfügte in Berlin über ein Netzwerk von professionellen, politischen und zwischenmenschlichen Kontakten, das sinnvolle berufliche Perspektiven zu garantieren schien. Dieses Netzwerk wurde 1933 durch Verfolgung, Inhaftierung und Flucht zerschlagen.

Flucht und Exil I: Frankreich (1933-1942)
Über Dora Benjamins Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland und die Exiljahre von August 1933 bis Dezember 1942 in Frankreich sind bis jetzt nur Bruchstücke bekannt.
Die Verhaftungen in ihrem unmittelbaren Umfeld - Fritz Fränkel im März 1933, Georg Benjamin im April 1933 - dürften sie rasch überzeugt haben, daß auch sie gefährdet sein könnte und im "neuen Deutschland" für ihresgleichen kein Platz sei. Mit der Auflage, das Deutsche Reich sofort zu verlassen, wurde Fritz Fränkel dank des couragierten Verhaltens seiner Ehefrau Hilde und einiger Patienten, vor allem des Schriftstellers Wolfgang Hellmert, nach einigen Tagen Haft und Folter durch die SA, Ende März 1933 entlassen. Er flüchtete mit Frau und zweijährigem Sohn zuerst in die Schweiz und von dort im Herbst 1933 nach Paris. Auch Dora Benjamin war um Ostern 1933 in der Schweiz. Sie kehrte noch einmal nach Berlin zurück; im August 1933 ging sie endgültig nach Frankreich ins Exil.

Alltag
Das Hauptproblem jedes Flüchtlings, die Aufenthaltsgenehmigung, bekam Dora Benjamin nach neunmonatiger Wartezeit. Am 17. August 1933 stellte sie bei der Pariser Polizeipräfektur den Antrag auf die carte d'identité; am 12. März 1934 wurde sie ihr ausgehändigt. Die zweite große Schwierigkeit eine (illegale) Arbeit zu finden, war für Dora Benjamin, wie für alle Flüchtlinge in den 30er Jahren, eine ständige Sorge. Zuerst ist sie den Ausweg vieler Frauen in der Emigration, unabhängig vom Bildungsgrad, gegangen: sie hatte eine Stelle in einem fremden Haushalt. Spätestens ab 1935 versuchte sie, an ihr altes berufliches Tätigkeitsfeld vor 1933 anzuknüpfen, das, wenn auch wenig, so doch etwas Geld einbrachte. Sie arbeitete mit Flüchtlingskindern in ihrer kleinen Wohnung 7, rue Villa Robert Lindet. Ein weiteres großes Problem vor allem der emigrierten Wissenschaftler/innen war die Rettung ihrer Arbeitsunterlagen und Bibliotheken. Auf der zweiten Flucht vor den Deutschen nach der Besetzung Frankreichs konnten sie meist nur das nackte Leben retten. Auch Dora Benjamin berichtete 1943, dass ihr gesamtes wissenschaftliches Material in Paris vernichtet worden war. Wissenschaftlich-publizistisch hat sie, soweit bis jetzt bekannt, in den Jahren 1933 - 1940 nicht arbeiten können.

Krankheit
Die Pariser Zeit war für Dora Benjamin zusätzlich durch die spätestens ab 1935/36 nicht mehr zu verdrängende Tatsache überschattet, dass sie an einem chronischen, unheilbaren Leiden erkrankt war. Georg Benjamin schrieb in seinem Brief vom 27.9.1936 aus dem Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit an seine Frau über den Gesundheitszustand seiner Schwester:
"Was Dodo über ihre Gesundheit schreibt, ist sehr unerfreulich. Ist sie sich eigentlich über die Tragweite der Erkrankung klar? Ich vermute es wohl. Oder habt Ihr nicht darüber gesprochen? Es ist doch ganz augenscheinlich ein echter, fortschreitender Bechterew. Der kann natürlich Jahrzehnte dauern, aber das schlimme ist das unaufhaltsame, wenn auch meist - wie bei ihr ja noch - sehr langsame Fortschreiten."
Abgesehen von dem Schock, den diese Perspektive allgemein für einen jungen Menschen wie Dora Benjamin bedeuten musste, kam noch die dadurch verursachte und unter den Bedingungen des Exils besonders belastende, eingeschränkte Leistungsfähigkeit hinzu. Im März 1935 schilderte sie auf die Anfrage Walter Benjamins, ob sie ihm mit Geld aushelfen könnte, klar und unmissverständlich ihre Lage. Die stundenlange Arbeit mit den Kindern gehe so weit über ihre Kräfte, dass sie ihr nur nachgehe, weil es eine unbedingte Notwendigkeit sei.
"Aber ich glaube, Du machst Dir doch nicht genügend klar, was für mich der Existenzkampf bedeutet, was es bedeutet, mit fast täglich starken Schmerzen zu arbeiten. Wenn ich der Möglichkeit beraubt bin, gelegentlich ein paar Wochen auszusetzen, so wird sich meine Lage so gestalten, daß ich mir auch gleich das Leben nehmen könnte. Und dazu habe ich im Augenblick noch keine Lust...Die politische Situation trägt auch nicht gerade zu einer ruhigeren Gestaltung des Lebens bei."
Im Juli 1937 erfuhr sie von Hilde Benjamin, dass sich in Berlin ein Arzt auf ihre Krankheit spezialisiert habe. Im Januar 1938 - nach Rücksprache mit dem deutschen Konsulat - riskierte sie die Reise nach Berlin und wurde dort bis März 1938 behandelt.

Freundeskreis
Die Erkrankung dürfte nicht nur ihre berufliche Entwicklung, sondern auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflusst haben. Der enge Kontakt zu Fritz Fränkel und seiner Familie blieb erhalten.
Die Fränkels hatten ganz in der Nähe von Dora Benjamins Wohnung in 10, rue Dombasle ihr Domizil. Inzwischen war auch Hedwig Fränkel, die Mutter Fritz Fränkels, von Dora Benjamin liebevoll "Omi Fränkel" genannt, aus Berlin nachgekommen. Hedwig Fränkel wohnte zeitweise bei Dora Benjamin und nahm ihr die Hausarbeit ab. In dem heute so berühmten Haus 10, rue Dombasle gab es das für das Pariser Exilleben typische Kommen und Gehen von (Unter)mietern (z.B. Walter Benjamin seit 1938) und Besucher/innen (z.B. Hannah Arendt mit ihrem Lebensgefährten Heinrich Blücher, Fritz Lieb u.a.). Sicherlich nahm auch Dora Benjamin häufig an den Diskussionsrunden der “Dombasles” teil, soweit es ihr die eigene Arbeit und der Gesundheitszustand erlaubten. Nach der Behandlung in Berlin gab es im Pariser Sommer 1938 ein kurzes, privates Glück für Dora Benjamin. Sie lebte mit einem jungen Mann namens Gert und träumte von einer gemeinsamen Zukunft. An Walter Benjamin berichtete sie:
"Wenn Du nicht allzu spät zurückkommst, so wirst Du Gert noch kennen lernen. Er wird wohl bis in die letzten Septembertage hier sein. Wie sich unsere Zukunftspläne gestalten, ist natürlich noch ungewiß. Es wird natürlich nicht leicht werden und für die nähere Zukunft wird sich bei mir auch garnichts ändern. Gert muß noch sein Examen machen."
Ein gutes Jahr später schrieb sie an den seit Kriegsausbruch im Lager Clos St. Joseph/Nevers internierten Walter Benjamin: "Mon ami est parti...et je ne sais pas du tout ou il est actuellement."
Zu ihrem engsten Freundeskreis gehörten auch Ruth und Walter Fabian und Dr. Louise Goldhaber, von Dora Benjamin “la Doctoresse” genannt, eine Ärztin und ihre enge Vertraute. Louise Goldhaber glückte nach der Internierung im Lager Gurs die Flucht in die USA.

Internierung, Versteck, Flucht
Mit Kriegsbeginn ging die Asylpolitik Frankreichs gegenüber den Emigranten und Emigrantinnen in eine schon seit 1938 vorbereitete Internierungspolitik über. Am 15. Mai 1940 musste sich Dora Benjamin, wie alle unverheirateten und kinderlosen Frauen zwischen 17 und 55 Jahren, im Vélodrome d'Hiver, einem riesigen Eissportpalast mit Glaskuppel, melden. Sie durfte Verpflegung für zwei Tage, Eßgeschirr, Taschen oder Koffer mitbringen, die nicht mehr als dreißig Kilo wogen. Vielleicht war sie eine der beiden anderen Frauen, die gemeinsam mit Hannah Arendt und Fränze Neumann, der Freundin Fritz Fränkels, einen Platz zugewiesen bekamen. Nach einer Woche, am 23. Mai 1940, gehörte Dora Benjamin zu dem ersten Transport von 2.364 Frauen, die in das berüchtigte Pyrenäenlager Gurs eingeliefert wurden. Am 9. Juni schrieb sie aus der Krankenstation von Gurs an ihren seit November 1939 wieder aus dem Internierungslager entlassenen Bruder in Paris:
"Mon cher frère,
Lundi dernier Mme Goldhaber est arrivée ici et elle m'a soignée cette semaine. J'avais une crise formidable pendant 3 jours et je ne suis pas encore tout à fait rétablie. - Elle a les moyens de s'occuper de moi malgré qu'elle soit dans un autre ìlot et elle vient me voir dans les jours 2 fois. J'étais en meme temps triste et contente de la voir ici. Mais évidemment je suis beaucoup plus calme si elle me soigne...Je peux sortir de la barraque quand je suis bien et voir des amies...Sternberg qui me prie de te dire bien des choses de sa part est avec moi à l'infirmerie. Mais sans ça on est assez complètement coupé du monde. J'espère avoir les journaux que tu as envoyés. Dis bien des choses à Omi. Si j'avais le droit d'écrire plus souvent je lui aurais écrit. Bien à toi Dora."
Nach der Besetzung von Paris durch die deutschen Truppen am 14. Juni 1940 nutzten viele Internierte - unter ihnen auch Dora Benjamin, Hannah Arendt, Lisa Fittko und Louise Goldhaber - das dadurch entstandene Chaos und die Unsicherheit der Lagerkommandanten zur Flucht. Dora Benjamin schlug sich nach Lourdes durch. Dort traf sie zum letzten Mal Walter Benjamin, der aus Paris vor den Deutschen geflohen war. Ein paar Wochen verbrachten die Geschwister gemeinsam in Lourdes, 8, rue Notre Dame. Ende Juli / Anfang August fuhr Walter Benjamin nach Marseille. “Wir trennten uns in dem Augenblick", so berichtete Dora Benjamin Karl-Otto Thieme, “als er nach Marseille fuhr, um sein amerikanisches Visum in Empfang zu nehmen."
Abgesehen vom Ort ist nicht genau bekannt, wie, mit wem und unter welchen Umständen Dora Benjamin die Zeit nach der Trennung von Walter Benjamin im Juli 1940 bis zu ihrer Flucht in die Schweiz im Dezember 1942 verbracht hat.
Dora Benjamin blieb nach den Angaben auf dem Fragebogen der Schweizer Behörden noch ein Jahr in Lourdes. Vom 26. Juni 1941 bis 1. August 1941 hielt sie sich in Marseille auf. Vielleicht hatte sie gehofft, Fritz Fraenkel und Fränze Neumann zu begegnen. Doch diesen war es geglückt, die erforderlichen Papiere - Ausreisevisum, Transitvisum, Einreisevisum für Mexiko - zu bekommen und Schiffsplätze zu erwerben; sie hatten Anfang Mai Marseille verlassen. Frieda Wunderlich, seit Oktober 1933 Professorin an der New School for Social Research, hatte Dora Benjamin das für die Einreise in die USA notwendige Affidavit ausgestellt. Doch ab Sommer 1941 wurde die Praxis der USA bei der Bewilligung von Einreisevisa immer restriktiver. In der Schweiz gab sie an, dass: "Tous mes papiers sont à Washington depuis le 3 novembre 1941. Le "hearing" pour moi devait avoir lieu au mois de septembre ou octobre 1942. A cause des relations rompues avec la France je suis restée sans nouvelles."
Auf das Visum der USA wartete Dora Benjamin vergeblich.
In Marseille traf sie Walter Fabian, der zu den deutschsprachigen Beratern von Varian Fry gehörte. Außer mit dem Fry-Komitee arbeitete Walter Fabian mit dem Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) zusammen. Vom 1. August 1941 bis 17. Dezember 1942 hielt sich Dora Benjamin in Aix-en-Provence auf. Sie soll mit Walter und Ruth Fabian und deren 1940 in Paris geborenen Tochter Annette auf einem Bauernhof gelebt haben. Im Herbst 1942 flüchtete die Familie Fabian illegal in die Schweiz. Walter Fabian schilderte Gründe und Umstände seiner Flucht:
“Ja, diese Flucht war sehr dramatisch. Ich bin also mit meiner Frau und mit unserem kleinen Kind bei Nacht und Nebel in der Nähe von Genf über die Grenze gekommen und zunächst in der Schweiz interniert worden. Das war im Oktober 1942, kurz bevor das sogenannte unbesetzte Frankreich dann auch besetzt wurde. Ich war damals in Frankreich auch zusätzlich dadurch gefährdet, daß ich seit Anfang 1941 einer der Leiter eines amerikanischen Hilfskomitees (Emergency Rescue Committee, Centre Américain de Sécours) war, und der Vertrauensmann der Emigranten in diesem Hilfskomitee. Dieses Komitee wurde auch von der Vichy-Polizei bereits verfolgt, und es war also dringend notwendig, daß ich vor dem ins Haus stehenden Einmarsch der deutschen Truppen in das unbesetzte Frankreich in die Schweiz flüchtete.”

Im Vichy-Frankreich war für die jüdischen Flüchtlinge eine neue, drastisch verschlechterte Situation entstanden. Das Programm der "Endlösung" hatte Frankreich erreicht: Die deutschen Behörden verlangten die Auslieferung der ausländischen Juden; die Razzien der Vichy-Polizei in den südfranzösischen Lagern, die großen Judendeportationen begannen. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in das nicht besetzte Frankreich im November 1942 saßen die Flüchtlinge in Südfrankreich in der Falle. Drei gleichermaßen verzweifelte und unsichere Möglichkeiten blieben: der Fluchtweg über die Pyrenäen, der Versuch, im Land unterzutauchen oder Schweizer Territorium illegal zu erreichen. Dora Benjamin entschied sich für die letztere. Über die letzten Monate in Frankreich gab sie den Schweizer Behörden zu Protokoll:
"Im August (1942) sollte ich von der französischen Polizei verhaftet und deportiert werden, wurde aber dank eines ärztlichen Zeugnisses wieder freigelassen. Seit dem Einmarsch der Deutschen in die freie Zone war ich gezwungen, mich ständig zu verstecken. Trotz meiner monatelangen Bemühungen, das Einreisevisum in die Schweiz zu erhalten, habe ich es nicht erhalten. Da ich jeden Augenblick befürchten mußte, von den Deutschen aufgegriffen zu werden, verliess ich Aix-en-Provence am 17.ds. und überschritt am gleichen Tag die Schweizer Grenze bei Landecy, wo (wir uns freiwillig) ich mich freiwillig den Soldaten stellte. Diese übergaben uns dann den militärischen Behörden."
Wie sie im Dezember 1942 den Weg von Aix-en-Provence zur Schweizer Grenze in der Nähe von Genf, ob allein oder mit anderen Flüchtlingen, zurückgelegt hat, ist nicht bekannt. Überliefert ist dagegen, was sie an der Grenze erwartete. Am 13. August 1942 hatte Dr. Heinrich Rothmund, Chef der Polizeiabteilung des Eidgenössischen Justiz-und Polizeidepartementes, angeordnet, dass die Grenze vollständig zu schließen sei und alle Zivilflüchtlinge zurückgeschickt werden sollten. In einem vertraulichen Schreiben an alle Polizeidirektionen und Polizeikommandos der Kantone wurde erklärt: "Flüchtlinge nur aus Rassegründen, zum Beispiel Juden, gelten nicht als politische Flüchtlinge". Seit dem 9. Oktober 1942 verschärfte die Armee die Überwachung der Grenze zu Frankreich, heckenähnliche Befestigungen aus Stacheldraht wurden gezogen, die Zahl der Flüchtlinge verringerte sich im Oktober um die Hälfte.
Personen, bzw. Organisationen, die geholfen haben, Dora Benjamin vor dem Zugriff der Nazis zu retten, waren:
- Berta Hohermuth von Aide aux Émigrés, sie hatte schon in Marseille mit Dora Benjamin Kontakt aufgenommen;
- das Ehepaar Gertrud und Rudolf Pestalozzi aus Bergli/Oberrieden, die bereit waren, für den Unterhalt von Dora Benjamin aufzukommen;
- Regina Kägi-Fuchsmann vom SAH;
- Ruth und Walter Fabian, ebenfalls SAH;
- Frau Boritzer vom Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflege;
- Emmi Bloch, Redakteurin des Schweizer Frauenblattes, Organ des Bundes Schweizerischer Frauenvereine;
- Juliane Favez vom Institut International des Recherches Sociales, Genf/New York, das ihr ein monatliches Stipendium von 90 Schweizer Franken gab;
- und schließlich, aber entscheidend der namentlich nicht erwähnte Offizier, auf dessen Befehl die Schweizer Grenzbeamten Ernest Straßer und
.A. Schoenbachler in der Winternacht des 17. Dezember 1942 Dora Benjamin nicht unmittelbar an der Grenze wieder "ausschaffen" mussten, sondern festnahmen und in das Lager Charmilles brachten.
Hatte er die Erklärung der Vereinigten Nationen über die Vernichtung der Juden von eben diesem Tage gehört?

Im Jahr 1942, als sich Dora Benjamin mit 41 Jahren nach neun Jahren Exil aus Frankreich in die Schweiz rettete, hatte sie keinerlei Gepäck mehr. Ihre einzigen wissenschaftlichen und beruflichen Fluchtpunkte waren Kontakte in die USA: Zu dem Berliner Psychiater Dr. Ernest Schachtel, der seit 1936 in New York - u.a. an einer Weiterentwicklung des Rorschach-Testes - arbeitete, zu der an der New School for Social Research lehrenden Nationalökonomin Frieda Wunderlich und zu der Ärztin Dr. Louise Goldhaber.

Flucht und Exil II: Schweiz (1942-1946)
Am 18. Dezember 1942 erklärten die oben genannten Grenzbeamten Ernest Strasser und G. A. Schoenbachler in dem Rapport d'arrestation in Genf, daß sie die deutsche Jüdin Dora Benjamin an der Grenze von Landecy beim illegalen Grenzübertritt festgenommen und in das Auffanglager Charmilles gebracht hätten. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes wurde sie nicht nach Frankreich zurückgeschickt. Dem Schweizer Theologen und Kommunisten Fritz Lieb berichtete Dora Benjamin Anfang März 1943:
"Ich bin allmählich - allerdings nachdem ich Jahre heftig gekämpft habe, gezwungen worden, die Krankheit zu bejahen, die mir im letzten Jahr - so paradox dies klingen mag - 2 mal das Leben rettete: zum ersten Mal bei den Deportationen, zum zweiten Mal beim Grenzübertritt."
Mit ihrer Einlieferung in das berüchtigte Lager Charmilles begann der Kampf der oben erwähnten Personen und Organisationen mit Dr. R. Jezler, dem Adjunkt von Heinrich Rothmund, um ihre "Liberierung". Dora Benjamin war physisch und psychisch den Bedingungen eines Lagerlebens nicht mehr gewachsen, wie ihr schließlich auch von dem zuständigen Lagerarzt bestätigt wurde. Am 24. Dezember 1942 wurde sie in das Lager Rothöhe bei Oberburg/Bern eingewiesen. Von dort sollte sie laut Anweisung der Zentralleitung der Arbeitslager am 19. Februar 1943 in das Arbeitslager Sumiswald "einrücken". Gleichzeitig wurde das Flüchtlingslager Rothöhe nach Champéry verlegt, und die Lagerleitung gab Dora Benjamin Erholungsurlaub, den sie in Zürich, in der Pension der Witwe Metzger in der Hornergasse - ihrer Zuflucht auch in den folgenden Jahren - verbrachte. Im Arbeitslager Sumiswald ist Dora Benjamin jedoch nie eingetroffen. Sie wartete, unterstützt von ihren Freundinnen und Freunden, so lange in Zürich, bis dem Antrag auf Privatinternierung stattgegeben wurde. Durch die Vermittlung von Regina Kägi-Fuchsmann lernte sie den Leiter eines Heimes für schwer erziehbare Jungen kennen, der sie an die unter reformpädagogischem Einfluss stehende "Anstalt für die Erziehung schwachsinniger Kinder in Regensberg" empfahl. Dort wurde sie von der Lehrerfamilie Baer Anfang Mai 1943 als Privatinternierte aufgenommen. Dora Benjamin war das erste Mal seit zehn Jahren voller Optimismus:
"Aber der erste, sehr positive Kontakt mit der Anstalt ist gewonnen: ich werde dort auf meinem speziellen Fachgebiet weiter arbeiten können und hoffe auch psychotherapeutisch dem einen oder dem anderm Kind nutzen zu können...So bin ich also sehr glücklich von der Wartezeit in der Schweiz in doppeltem Sinne profitieren zu können: einmal indem ich mich erhole und ferner indem ich arbeitsmäßig neue Erfahrungen sammle."
Als Privatinternierte stand sie - wie jeder Flüchtling in der Schweiz - unter Polizeiaufsicht. Sie musste sich regelmäßig bei der Polizei melden; jede Ortsveränderung oder auch nur kurze Reise, musste beantragt und genehmigt werden. Sie hatte keine Arbeitserlaubnis (ausschließlich Mithilfe im Haushalt oder in der Landwirtschaft war gestattet), durfte in keiner Weise öffentlich (zum Beispiel mit Vorträgen oder Publikationen) auftreten und sollte sich zwischen 22 und 7 Uhr in ihrer Unterkunft aufhalten. Und natürlich verpflichtete sich jeder Flüchtling, "alles zu tun, um die Schweiz sobald als möglich verlassen zu können."
Die reglementierte, eingeschränkte Bewegungsfreiheit machte Dora Benjamin vor allem zu schaffen. Jedes Treffen, jeder heißersehnte Besuch in einem "geistig verwandten Milieu" kam nur, wenn überhaupt, nach wochenlangem Papierkrieg mit der Polizeibehörde zustande, und war ein besonderes Ereignis: Die Reise nach Basel hat mir viel gegeben; vor allem den Kontakt mit der Welt, die früher meine war und es wohl auch wieder einmal sein wird und der ich äußerlich - aber auch was die gesamte Umgebung betrifft - hier sehr fern bin. Ich habe in den Tagen in Basel vieles genossen, woran ich jetzt zehre und den Winter über zehren werde."
Zwar musste sie auch immer wieder feststellen, dass ihre Gesundheit weit mehr gelitten hatte, als sie selbst wahrhaben wollte; doch sah sie auch den Vorteil, dass sie auf diese Weise vom Lagerleben verschont blieb, auch wenn sie - bis zu ihrem Tode - nicht "endgültig vom befreit" war.
Die Korrespondenzen mit Karl Otto Thieme und Fritz Lieb zeigen, dass Dora Benjamin wieder an eine Zukunft dachte, ungeduldig auf das Ende des Krieges wartete und auf selbständige (Arbeits)perspektiven in den USA hoffte:
Regensberg, 26.Juni 1943
"Ich lebe hier - ein wenig verzaubert - in einem eigentümlichen Milieu mitten zwischen Schwachsinnigen und Taubstummen und den wenigen nominell 'normalen' Bewohnern unseres Dörfchens, das aus 2 Händen voller Häuser besteht. Aber ich bin natürlich ungeheuer glücklich diese Gastfreundschaft - und darüber hinaus auch schon Freundschaft - gefunden zu haben und ich sehne den Augenblick herbei, wo meine Gesundheit mir wissenschaftliche Arbeit in etwas größeren Ausmaß erlaubt. Ich muß allmählich 'rüsten', denn ich hoffe nach dem Krieg in Amerika arbeiten zu können."
Regensberg, 26. Juli 1943
"Seit heute habe ich viel Hoffnung, daß Sie mit Ihrer optimistischen Auffassung über das Kriegsende Recht behalten werden. Ich will versuchen, schon jetzt Schritte zu tun, damit mein Amerika-Visum im gegebenen Augenblick wirklich bereit ist. Es sieht ja jetzt so aus, als ob die Ausreise über Italien schon vor Kriegsende möglich werden könnte. Ich verfolge die Radiomeldungen - das Radio ist hier oben ja die einzige lebendige Verbindung mit der Außenwelt - mit fieberhafter Spannung."

Doch schon im Winter 1943/44, mitten in den Vorbereitungen auf eine längere Anwesenheit im Hause des Pädagogen, Theologen und Sozialisten Karl Otto Thieme (1902 - 1963), zerstörte eine erneute schwere Erkrankung ihre Pläne. Nach monatelangem, mit Hoffen und Bangen ertragenen Aufenthalt im Kantonshospital Zürich wurde sie im Mai 1944 entlassen. Die Diagnose lautete Brustkrebs; Dora Benjamins Zukunft reduzierte sich nach ihrer eigenen Schätzung auf ein bis höchstens drei Jahre.
Im Herbst 1944 stand sie mit Karl-Otto Thieme in einem intensiven Austausch über die künftige Gestaltung pädagogischer Anstalten in einem Nachkriegsdeutschland. Hierbei entwickelte sie einen Vorschlag, den sie selbst als vielleicht "völlig undurchführbar" bezeichnete, von dessen positiver Resonanz vor allem, was die Kommunikation künftiger Dozenten mit dem Ausland betraf, sie aber überzeugt war:
"Ich glaube, daß zu den pädagogischen Fragen für einen ersten Entwurf nichts wesentliches hinzuzufügen ist. Dagegen ist mir bei meinen Überlegungen eine administrative Maßnahme eingefallen, die man vielleicht in Vorschlag bringen könnte, falls Sie sich auch mit diesen Dingen beschäftigen: mir scheint, man solle zweierlei verschiedene Pässe (oder sonstige Ausweispapiere) für Deutschland einführen.
1) den gewöhnlichen Paß und
2) eine Art Präferenz-Paß für alle diejenigen, deren eindeutige antifaschistische Haltung nachweisbar ist.
M.E. hätte das für uns ein sehr großes Interesse, weil dadurch die Auslandsreisen für die 2. Kategorie erleichtert - oder vielleicht sogar nur dadurch ermöglicht würden- und wenn ich auch gegen eine Ausbildung unserer Lehrkräfte im Ausland bin (aus den gestern dargelegten Gründen), so scheint es mir unbedingt erforderlich, daß die bereits im Lehramt Stehenden eine Erweiterung ihres Horizontes durch das Kennenlernen anderer Länder erfahren - das ist jetzt - wohl wichtiger als je."
Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stand die Frage, wie müssen diejenigen Personen ausgebildet werden, die mit durch Konzentrationslager, Flucht und Krieg beschädigten und entwurzelten Kindern und Jugendlichen schon jetzt und in der Nachkriegszeit zu tun haben (werden). Zu den wohl glücklichsten Erlebnissen ihrer letzten Lebenszeit gehörte, dass sie als Expertin - ihr Wissen, ihre berufliche Erfahrung und ihre durch den eigenen Lebensweg erworbene Kompetenz - gefragt war. Am 19. 12. 1944 in einem Moment tiefster Depression notierte sie: "Vorgestern war ich zwei Jahre in der Schweiz. Die Zeit war trotz allem fruchtbar."
Im Februar 1944 wurde von Vertretern/innen schweizerischer und internationaler Hilfsorganisationen ein Aktionskomitee gewählt, das Schulungskurse für fürsorgerische Hilfskräfte in der Nachkriegszeit organisieren sollte. Organisation und Leitung der Kurse wurden von der Sozialen Frauenschule Zürich übernommen. Präsidentin des Komitees war Marta von Meyenburg, Vizepräsidentin Margrit Schlatter, die Leiterin der Sozialen Frauenschule Zürich. Ziel der Kurse war es, "Frauen und Männern ein Minimum an praktischem und theoretischem Rüstzeug für die fürsorgerischen Nachkriegsaufgaben zu geben." In dem Abschlussbericht wurde hervorgehoben, dass in der Schweiz zum ersten Mal in diesen Kursen "auch Männer zu fürsorgerischer Ausbildung Zutritt hatten".
Schweizerische und ausländische Teilnehmer/innen waren in den Kursen ungefähr gleich stark vertreten. Als Dozenten/innen sollten auch viele Flüchtlinge einbezogen werden. Dora Benjamin war im Lehrplan für das Gebiet Psychologie und Pädagogik vorgesehen, spezielles Thema ihres Seminars war die Behandlung kriegsgeschädigter Kinder. Die Erzählungen der Emigranten/innen vermittelten den Schweizer Teilnehmern einen authentischen Einblick in das Flüchtlingsproblem. Das Besondere dieser Kurse sei gewesen, dass sich "eine Gruppe von Menschen, Angehörige verschiedener Nationen und Weltanschauungen...in demokratischer Freiheit der offenen Diskussion die klare Auffassung über die Bedeutung, welche der Hilfsarbeit als einem wichtigen Teil im gesamten Neuaufbau von Europa zukommt, (erarbeitete). Das Ganze war getragen vom Streben nach wirklicher Freiheit für alle Völker und einem demokratischen Neuaufbau Europas."
Die persönlichen Stellungnahmen der Teilnehmer/innen dokumentieren, welche Aufbruchstimmung unter ihnen herrschte; sie zeigen zugleich, dass Dora Benjamin am Ende ihres Weges den Anfang einer sinnvollen, in die Zukunft weisenden Arbeit erlebte und mitgestaltete:
"Nach dem jahrelang dauernden Lügen, Verstecken, Wandern, Flüchten, und zuletzt nach dem langen Lagerleben hat der Kurs mich wieder zu einem freien, zufriedenen und vollkommen ausgeglichenen Menschen gemacht."
In der "produktive(n) Zusammenarbeit zwischen Schweizern und Nichtschweizern, vollberechtigten Bürgern und dem Polizeirecht unterstellten Emigranten und Flüchtlingen, und dies schon lange vor dem dem Aufkommen des sogenannten neuen Geistes von Montreux", sah ein ausländischer Teilnehmer das für ihn wichtigste Ergebnis.
Ein Emigrant verglich den Zusammenhalt und die Motivation der Teilnehmer/innen in diesen Kursen mit Inhalt und Ziel des Kampfes seiner Widerstandsgruppe: "Die Tiefe des Erlebnisses kann ich nur vergleichen mit der Zeit, da ich in Holland mit einer kleinen Gruppe illegal arbeitete. Aber während es damals das Negative war, das uns zusammenschmiedete, nämlich der Kampf gegen die Unmenschlichkeiten, um Schlimmstes zu verhüten und die gemeinsame Gefahr, so ist es heute die gemeinsame Erkenntnis und der Wille zum Kampf um eine gerechte Zukunft..."

Die Niederlage des Nationalsozialismus, das Ende des Krieges und des Mordens sowie die Erfahrungen in diesen Seminaren gaben Dora Benjamin noch einmal Kraft und Zuversicht. Engagiert mischte sie sich in den Konflikt zwischen dem Schweizer Roten Kreuz und den Betreuer/innen von polnischen, jüdischen Jugendlichen, die das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatten, ein. Sie sammelte Unterschriften für eine Protestresolution gegen die empörenden Eingriffe des Roten Kreuzes und arbeitete an Referaten über den Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen:
"Mit meinem Referat bin ich noch nicht weiter; Material scheint es kaum zu geben; dafür habe ich aber seit meinem Besuch auf dem Zugerberg die nötige Wut. Ich hoffe, das wird genügen, um das Referat zusammen zu bringen. Nachgedacht habe ich ja über die Dinge viel und seit langem."
Vom Tod schon umfangen stand Dora Benjamin, so scheint es, mitten im Leben.

"Wo ist Dora?" hatte die Mutter im Traum des Jungen Walter Benjamin gefragt. Diese Frage stellt sich auch bei der Lektüre vieler Berichte von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen im Umfeld von Walter Benjamin und Fritz Fränkel aus der Berliner und Pariser Zeit. Dora Benjamin wird entweder gar nicht oder als kleine Schwester nur am Rande erwähnt. In der Schweiz hat sie die Wirkung ihrer eigenständigen Persönlichkeit erfahren. Sie wusste, welchen Weg sie gehen wollte, und welche Aufgaben ihrer individuellen Begabung, ihren wissenschaftlich fundierten Kenntnissen und ihren eigenen Erfahrungen in der durch Gewalt zerstörten Welt entsprachen. Im Alter von 44 Jahren hat sie die Umrisse zukünftiger psychologisch-pädagogischer Arbeit abgesteckt, mit der sie Kindern und Jugendlichen einen Neuanfang im Leben ermöglichen wollte.
Frauen wie Dora Benjamin mit ihrem persönlichen, politischen und beruflich-wissenschaftlichen Hintergrund fehlten der (weiblichen) Jugend im Nachkriegsdeutschland.
Der Aussage des Verbandes Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen ist nichts hinzufügen:
"Leider ist Frau Dr. Benjamin an unheilbarem Krebs erkrankt und dürfte nur noch wenige Monate zu leben haben. Daher hat das International Rescue and Relief Comittee, Sektion Schweiz, keinen Antrag auf Visumserteilung gestellt. Frau Dr. Benjamin selbst möchte gern nach Amerika, sodass man ihr gesagt hat, alles Erforderliche wird in die Wege geleitet. Die Patientin weiss nicht, wie ernst ihr Zustand ist und hofft immer noch auf Heilung, die, wie die Ärzte sagen, nur durch ein Wunder erfolgen könnte. Daher bitten wir Sie, die amerikanischen Freunde von Frau Dr. Benjamin zu informieren, diese nicht etwa durch eine Unvorsichtigkeit aus ihrer Illusion zu reissen.
Es tut uns sehr leid, daß wir Ihnen keine bessere Nachrichten übermitteln können, zumal es eine große Tragödie ist, dass diese besonders fähige Jugenderzieherin gerade im jetzigen Zeitpunkt, am Ende ihrer Emigration um die Früchte ihrer Durchhaltung gebracht wird."

Danksagung
Das Engagement vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Archiven und Bibliotheken hat es ermöglicht, die Frage "Wo ist Dora?" hier - eine ausführliche Biographie wird noch folgen - vorläufig zu beantworten

Dr. Anna Pia Maissen/Stadtarchiv Zürich; Regula Zürcher/Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung/Worblaufen; Oliver Szokody/Bibliothek der Schule für Soziale Arbeit/Zürich; Dr. Urs Kälin/Schweizerisches Sozialarchiv/Zürich; Herr Thelitz/Stiftung Schloß Regensberg; Dr. Martin Steinmann/Bibliothek der Universität Basel; Daniel Gerson/Archiv für Zeitgeschichte der ETH/Zürich; Frau Häusler, Herr Dr. Bourgeois und Dr. von Rütte/Schweizerisches Bundesarchiv Bern; Frau Sonnenmoser/Staatsarchiv Zug; Martin Naef/Paul Geheeb-Archiv/Basel; Frau Hahn/Deutsche Bibliothek/Frankfurt; Henri Lonitz und Christoph Gödde/Theodor W. Adorno-Archiv Frankfurt; Christiane Schafferdt/Landesarchiv Berlin; Frau Hartleb/Universitätsarchiv Jena; Frau Schumann/Universitätsarchiv Greifswald; Frau Kalb und Frau Wolf/Universitätsarchiv der Humboldtuniversität zu Berlin; Herr Dr. Keßler/Universitätsarchiv Heidelberg; Frau Lorenz/Bundesarchiv Berlin; Frau Rese/Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung/Bonn; Frau Talay und Herr Volk/Institut für Zeitgeschichte München; Eva Rothkirch/Staatsbibliothek Berlin; Frau Zenke/Literaturarchiv Marbach; Herr Berger/Stadtarchiv Heidelberg;; Susanne Günther/BIL-Bibliothek/Berlin; Erik Smit/Archiv Kreuzberg-Museum/Berlin; John D. Stinson/New York Public Library
Für spontane, mündliche Auskunft danke ich: Annette Antignac/Paris; Lisa Fittko/Chicago; Hilda McLean/Chicago; Barbara Vormeier/Paris; Charlotte Weber/Zürich.

Schriftenverzeichnis Dora Benjamin